Wetter, Klima, Jahreszeiten
Montag, 12. September 2011 | von Marco Schwarz

Oh, das trifft mich gleich ins Mark! Ständig ist es zu kalt, zu warm, zu nass oder zu trocken. Allein dieser Sommer: Brechende Hitze, bei der man kaum noch rumlaufen mag, der Boden pulverisiert. Dann ein schneller Umschwung, und man sitzt fast frierend am PC. Klar kann man dann wunderbar spazieren gehen, aber zum Sitzen ist zu kalt.
Früher war es so geregelt:
Die Jahreszeiten waren so, wie man sich das aus ihren Namen vorstellt. Im Winter gab es Schnee und Kälte. Man konnte Schlitten fahren und mit selbstgebauten Knüppeln Eishockey spielen. An Weihnachten gab es schöne Geschenke und ein Gefühl von Besonderheit. Im Frühling war es mild, Gras wuchs wieder, Blumen blühten, aber das juckte alles kaum, denn endlich konnte man wieder Fußball spielen. Es muss auch mal geregnet haben, denn sonst wäre alles vertrocknet, aber daran gibt es keine Erinnerung. In der Erinnerung war alles schön!
Richtig schön wurde es, wenn es auf den Sommer zuging. Schwimmbad, Wärme, blauer Himmel ohne Ende. Ab und zu ein Gewitter, und am nächsten Tag wieder schön. Und kurze Hosen und Unterhemden und der Geburtstag mitten drin. Schön war sicher auch der Herbst. Er wurde kühler, manchmal regnete es, und sonst spielte man immer noch Fußball. Dann ging es schon auf Weihnachten zu, und alles begann von vorn.
Heute ist alles Bockmist.
Alles ist instabil, extrem. Wird man älter, muss man sich an alles erst gewöhnen, und hat man sich gewöhnt – ändert es sich schon wieder. Es sind auch immer die Mythen, die einen treiben. Ich hatte eine Zeit in den 90ern, da hasste ich die Hitze und liebte es, mit dem Hund Harri und in Springerstiefeln durch den Regen zu gehen. Später erst begann ich die Hitze zu lieben, aber dann kam die Zeit, als ich sagte:
"Jede Jahreszeit ist Scheisse!"
Das liegt natürlich mehr an zerbrochenen Träumen als am Wetter. Und auch an typischen jahreszeitlichen Problemen. Meist würde mich der äußere Umstand gar nicht so drücken. Die Natur ist sowieso nur Dekoration und das Wetter ein Begleitumstand. Es sind mehr diese verdammten Details. Glasscherben von besoffenen Schweinen unter dem Schnee, zwickendes Ungeziefer, das im Spätsommer den Hund quält. Und mich noch mehr, weil er leidet. Anfang Sommer hatte ich auf der Innenseite des Oberschenkels einen untertassengroßen, knallroten Stich, der brannte wie Säure.
Jede Jahreszeit ist bescheuert. Im Winter wochenlang eisiger Ostwind in diesem Tal, in dem ich mein Leben verbringe, ohne die Gegend zu mögen. Hartgefrorener Schnee, der jeden Schritt zum Ärgernis werden läßt. Der Frühling kalt und nass, und dann eine Hitzeexplosion, von der ich nur Kopfweh bekommen kann. Der Sommer kommt, immer noch heiss und trocken, und endlich mag ich die Wärme wieder. Aber da zerplatzt sie schon in einem Gewitter, das wochenlange Kälte und Regen bringt. Morgens spannen blöde Spinnen über jeden Weg ihre Fäden, die einem juckend um den Kopf und die Arme hängen. Fliegen sind so aggressiv, das sie einen 200 Meter weit verfolgen und an den Kopf donnern.
Dann Herbst, mal ein paar schöne Tage, aber waren die Tage vorher viel zu lang, spürt man nun, wie das Jahr zu Ende geht. Morgens lange düster, alles so sinnlos, Small Town Blues in Reinform. Dann wieder Winter, ein Jahr näher an der Grube und nichts erreicht.
Wegen mir müsste es keine Jahreszeiten geben. Nur ein konstant mildes Klima zwischen 18 und 26 Grad etwa. Regen nachts, mal ein Sturm, und das war’s. Ich könnte ohne weiteres mein Leben in einer riesigen, lichtdurchfluteten Halle verbringen, einen Quadratkilometer groß, alles abgeschlossen und nur durch Luftschleusen zugänglich, schön bepflanzt, den Boden mit Moosgummi ausgelegt. Schneller Internetanschluß, am Rand eine Bäckerei mit Zigaretten- und Bankautomat und seitlich eine kleine Straße, auf der man ab und zu mit dem Auto vor und zurück fahren könnte. Und nie wieder Wetter.