Wie hältst du’s mit der Religion?

Freitag, 25. November 2011 | von

Marco Schwarz

Welcher Pfad im Christentum?

Es gibt ein umwerfendes Argument, das ich mir vor Jahren bei meinem Wiedereintritt in die Kirche zunutze mache: Wenn du das Richtige nicht identifizieren kannst, dann bleib bei dem, von dem du kommst! Oder wie wäre es damit: Wenn dein Verstand nicht fähig ist, die wahren Religion zu erkennen, dann folge deinem Instinkt und deinem Gefühl. Selbst bei einer getroffenen Entscheidung stehe ich erst am Anfang, denn die wahre Religion erkennen ist ein Riesenschritt, doch dann muss noch etwas folgen: das Glauben, das Beten, das Mitmachen mit den anderen Glaubensgenossen. Wahrlich ein weiter Weg, und es braucht nicht viel, um gar keine Entscheidung zu treffen und weiterhin Agnostiker zu bleiben.

Früher war alles ganz leicht in dieser Hinsicht. Jede Gegend hatte genau eine Religion, und die war richtig. Man tat ganz von selbst mit, glaubte mehr oder weniger intensiv, und vermutlich fühlte man sich geborgen. Das nun heute verdanken wir der Aufklärung, der Privatisierung des Glaubens. Es ist zwar schön für einen Ketzer, nicht mehr verbrannt zu werden, was viel seltener vorkam als gemeinhin angenommen, aber schlecht für Millionen verlorene Geister. Oder woher sonst sollte denn unser heutiger Kaufwahn und die Genußsucht kommen?

Behalten wir als Zwischenergebnis, dass Atheismus zur Verzweiflung führt und dass Tao und Buddha einen gangbaren Weg weisen. Ich glaube nicht, dass man mit dem Verstand – ohne ein Glaubenswunder – definitiv die endgültige Wahrheit erkennen kann. (Ich glaube nicht einmal, dass die moderne Kosmologie das Universum korrekt beschreibt. Da werden immer zu viele eigene Wünsche mit eingebacken.)
Folgen wir der Argumentation der Christen, die sagen, Gott habe sich in Stufen offenbart, so dass auch andere, frühere Religionen gewisse Anteile an Wahrheit beinhalten. Seit dem Kommen von Christus gäbe es aber keinen anderen Weg mehr. Gehen wir nun davon aus, dass die Bibel nicht Menschenwerk sei, sondern wirklich von Gott inspiriert oder diktiert. Dann hätte es keinen Sinn, einem anderen Buch zu folgen. Dies ist mein Land, Deutschland, und hier folgt man seit über 1000 Jahren der Bibel. Wer bin ich, das auf den Kopf stellen zu wollen? Ein Argument der Demut.
Trotzdem kann niemand von mir verlangen, dass ich entscheiden kann, ob die Kirche oder die antikirchlichen Christen recht haben. Und deswegen kann ich keiner der Gruppen ganz angehören.

Letztlich ahne ich nicht einmal, was es braucht, um mich wirklich emotional an einen Glauben zu binden. Sicherlich mehr als denken und lesen. Es gibt für mich aber eine entscheidende Frage, von deren Beantwortung ich meine Zustimmung zu einer Religion abhängig mache:

Eine Frage von großer Tragweite

Wer erklärt mir den Widerspruch zwischen dem guten Schöpfer und dem Grauen der Schöpfung?

Der Schöpfer ist gut und erschafft eine wunderbare Welt, aber die Schöpfung, die ich erkennen kann, deckt sich einfach nicht mit den schönen Worten. Überall ist das Grauen. Das Leid der Menschen kann man noch mit der Erbsünde erklären, sie haben die Aussicht auf Verbesserung im Jenseits. Aber das grenzenlose Leid der Tiere, vielleicht auch der Pflanzen! Die ganze Schöpfung, die doch aus der Herrlichkeit Gottes entspringt, ist ein einziges Morden, Zerfetzen, Verschlingen. Alles kann nur leben, wenn es andere vernichtet, um sie zu essen.

Wann immer der Mensch dabei in Erscheinung tritt, kann man ihm mit seinen Fehlern die Schuld geben. Aber das Grauen geschieht dauernd, überall, ohne Zutun der Menschen. Alles fällt übereinander her und vernichtet sich.

Wie blind und vertrauensselig muss man sein, um das nicht zu sehen und die Schöpfung in dieser Form zu lieben? Die Schreiber der Bibel erkannten das schon, denn sonst hieße es nicht, dass der Löwe einst beim Lamm liegen wird. Manchmal sehe ich im TV diese fiktiven Dokumentationen über das Leben in früher Vorzeit. Dinosaurier und noch frühere Formen, die man nur als Fossilien kennt. Die Phantasie der TV-Macher lässt sie zum Leben erwachen, und was geschieht? Sie fallen übereinander her und verschlingen sich. Seit endlosen Millionen von Jahren.

Was ist das Gute in der Schöpfung? Dass man das meiste vorher nicht weiss! Und nur das.

Ich habe eine einzige Antwort auf diese Frage gefunden. Eine Antwort, die nicht christlich ist. Ähnliche Ansätze finden sich in den alten Schriften der Hindus, aber ich fand sie sehr verstörend. Die Antwort, die mir einigermaßen zusagt, fand ich in Umberto Eco, "Baudolino", S. 507ff. Ich will sie nicht erläutern, aber man kann selbst nachlesen:
Text und Zitate über Baudolino, unten
Der ganze Baudolino online, dort ab S. 468

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