Urgrund der Depression
Sonntag, 25. September 2011 | von Marco Schwarz

Eigentlich müsste es ja "Debresion" heissen. Depression es ein viel zu hartes, kraftvolles, aktives Wort für diesen Zustand, wie ich ihn kenne. Keine Depression im medizinischen Sinne, aber ein Leben in Bedrücktheit angesichts der Umstände. Das Leben ist eins der schönsten. Könnte es sein. Wenn nicht, ja, wenn nicht diese entsetzlichen Rahmenbedingungen wären.
"I had a dream!"
Der Urgrund der Depression, wie ich sie verstehe, ist das Entschwinden der Träume. Der guten Träume. Es gibt viele dumme, kindische Träume, Flausen, die zurecht verschwinden. Aber man sollte seine guten Träume bewahren und sie nicht eingehen lassen. Doch was zerstört die Träume? Die Realität des Lebens. Ich konnte mich nie damit abfinden, dass die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen: Die Gegenwart interessiert sich nicht für meine Träume und Wünsche, und die Zukunft ist der Tod.
All das, was ich schreibe, gilt nur für ungläubige Menschen, für Atheisten und Agnostiker. Der Gläubige hat seinen Trost, er erkennt in seinem Glauben, dass das "irdische Jammertal" nur eine Durchgangsstation zu etwas Besserem, Höherem ist. Man muss sich nur an die Regeln seines Glaubens halten, dann kommt es so wie früher beim HB-Männchen: Es geht alles wie von selbst.
Doch wehe dem Gottlosen! Ihm bleibt nur das Sein in der Zeit. Er muss seine Tage nutzen, denn sie sind gezählt. Wenn das, was man sieht, alles ist, kann man sich abrackern und kämpfen, man lernt und verbessert sich, man genießt und wächst – und alles nur, um am Ende nichts zu haben. Da kommen dann die flotten Sprüche, man möge das Beste daraus machen. Man kann in Urlaub auf die Malediven fliegen. Man kann jedes Wochenende feiern. Man kann saufen und Drogen nehmen. Man kann versuchen, jedem weiblichen Wesen an die Wäsche zu gehen. Man kann sogar die Genüsse Sodoms suchen, wobei ich nicht verstehen kann, worin dieser Genuss bestehen könnte. Und man kann seinen Stolz und seine Eitelkeit pflegen, dass man sich wenigstens seine Freiheit erhalten konnte. Das ist viel. Aber alles hilft nicht, denn erbarmungslos schreitet die Zeit voran. Erst sieht man Fremde vergehen, später die eigenen Leute, und dann ist man selbst dran. Das kann jeden Tag geschehen. Einfach so.

Das Gute wollen,
das Böse schaffen
Die Natur verachtet das Individuum. Der Einzelne zählt nichts und wird verheizt. Gnadenlos. Ich bin lange kein Atheist mehr. Der Atheismus hat nichts zu bieten ausser Wahnbildern. Er ersetzt das Paradies durch diesseitige Vorstellungen, die sich noch immer in ein Höllenspektakel verwandelt haben. Man will das Gute und schafft das Böse.
Ich bin irgendwo zwischen einem Agnostiker und einem ganz schwachen Gläubigen. Es ist ein Anfang, und ich hoffe auf genug Zeit. Ständig schwanke ich zwischen der Annahme, die Kirche habe recht, und der schlimmen Ansicht: Es ist alles nur Menschenwerk. Aber es ist ein Anfang.
Auch im Jetzt zerschellen die Träume.
Nur der Glaube also kann uns vor der Zerstörung durch die Zeit retten. Ohne Glauben sehe ich nicht, wie man keine Depression haben könnte, auch wenn man sie lange unter Aktivität und Genuss verbergen kann.
Doch auch abgesehen von allen Glaubensfragen zerstört das Leben die Träume und schafft Bedrückung. Wenn ich als Kind nicht Fußball spielte und von einer glorreichen Zukunft träumte, baute ich mir mit Legosteinen schöne, weisse Villen mit Innenhof. Vor der Tür standen meine amerikanischen Straßenkreuzer, Chevy, Corvette und Mustang, etwas abseits der Fuhrpark meiner Baufirma, die meine Träume erfüllte. Und heute?
Heute sitze ich in meiner Einzimmerwohnung, arbeite am PC und schaffe es gerade so, den Mindeststandard zu halten. Ich habe nie einen Beruf erlernt, weil mich keiner interessierte. Niemand hat mich je für etwas begeistern können. Dann habe ich mir selbst alles beigebracht, den PC, das Internet, die Künste, soweit ich es konnte. Sehr spät erkannte ich, dass man nur zufrieden sein kann, wenn man arbeitet. Aber nicht als Knecht und Sklave, sondern frei. Keine Villa, keine Baufirma, keine Hippiekommune, keine Rockband mit Weltruhm, kein Fußballstar.
Die Welt sagt mir immer:
"Keinen interessiert dein Dreck!"
Und ich antworte:
"Und mich interessiert dein Dreck nicht!"
Mein alter Vater sagte vor Jahren:
"Das einzige, das ich mir vorwerfe, ist, dass aus dir mit all deinen Möglichkeiten nichts geworden ist."
So kann man es auch sehen. Er dachte dabei an einen Beamten in "Sicherheit", aber es gibt keine Sicherheit. Nur den Mahlstrom der Masse, in dem man sich scheinbar bergen und untertauchen kann. Ein weiteres sinnloses Spießerleben. Na, ich danke auch schön.
Also …
Also sehe ich es so: Durch die Aussicht auf das Verrinnen der Zeit und das kommende Ende ist der Einzelne verstört. Kommen dann Erfolglosigkeit und allgemeine Nichtbeachtung hinzu, sterben die Träume ab, weil sie am gnadenlosen Spiegel des Lebens zersplittern. 99 Prozent geben klein bei und verstecken sich. Wie das geschieht, kann ich nicht nachvollziehen. Ich würde mich dabei systemtisch zerstören, und genau das tun viele auch, jeder auf seine eigene kranke Art. Das eine Prozent verteidigt seine Stellung, zieht sich immer weiter zurück bis zur letzten Frontlinie, die nicht mehr aufgegeben werden kann, weil dahinter der Kern des Wesens steht. Soll man dabei glücklich sein?
Immer noch Träume
Es bleiben immer noch Träume oder bevorzugte Ideen erhalten, ohne geht es nicht. Was könnte ich sein wollen? Daytrader in New York? MG-Schütze an der offenen Tür eines Sanitätshubschaubers der Marines? Das ging mir eben beim Spaziergang mit Dino durch den Kopf. Auf jeden Fall was Soziales …
"Ja, liebst du denn niemanden?"
"Doch. Meinen Hund. Und zwar von Herzen. Bei den Menschen fällt es mir schwer."
PS:
Nachtrag wegen der Marines. Ich bin ja schon viel zu alt und verweichlicht. Wenn das Zeug mit der Wiedergeburt stimmt, werde ich nächstes Mal Amerikaner und trete an meinem 18. Geburtstag dem Marine Corps bei. Für alle, die es jetzt schon genauer wissen möchten:
U.S. Marine Corps
PS PS:
Meine absolute Lieblingssendung im TV ist "NCIS", deutsch "Navy CIS". Das ist die Verbrechensbekämpfung der Marine. Übrigens gibt es den NCIS wirklich, eben fand ich die Homepage:
NCIS Homepage.
Und in einer der Folgen erfuhr ich, dass die Marines gar keine eigene Sanitätsabteilung haben! Das klappt also auch nicht. Entweder muss ich also aus einem Sanitätshubschrauber der Navy ballern oder aus einem normalen Kampfhubschrauber der Marines. Man lernt nicht aus.
Dienstag, 1. November 2011 10:26
Depression ist ein Aktivitätsmangel der durch Veranlagung (Gene) und Lebensblockaden herbeigeführt wird. D.h. jeder Mensch verfügt über einen sogenannten Aktivitätsindikator (nicht zu verwechseln mit Temperament)der bestimmt, ob es sich um einen sehr aktiven oder einen sehr inaktiven (trägen) Menschen handelt. Durch Lebensumstände kann dieser verstärkt (neue Liebe) oder geschwächt werden (bedrückende Ereignisse). Selbst die beste Psychotherapie kann aus einem Menschen mit niedrigem Aktivitätsindikator keinen superaktiven Menschen machen. Also müssen wir uns damit abfinden, in einem definierten Aktivitätsumfeld zu leben. Wenn man genau in sich hineinhört, kann man die Depression oder das andere Extrem, das hyperaktive Verlangen, spüren. Somit ist die depression das eine Ende unserer Aktivitätenscala und die Hyperaktivität das andere Ende.