In der Kneipe am Rand der Innenstadt, wo sich allerlei Volk traf – Stammtischbrüder, ältere Arbeiter aus den Fabriken, Quartalsäufer, bleiche Langhaarige, Möchtegern-Rocker und Schüler – stank es nach Zigarettenqualm, Bier und billigem Schnaps. Aus den Lautsprechern plärrte mit dumpfem Tam-Tam und süßlichen Harmonien deutscher Schlagerbrei und Egerländerromantik, ab und zu unterbrochen von lange wieder vergessenen Pop-Hits aus dem goldenen Westen.
Da saßen sie, die Wenn-Nicht-Boxweltmeister, die Fast-Rockstars und Beinahe-Fußballhelden, die tollen Puppen und Supermänner von gestern, heute und morgen. Wie durch Mauern getrennt verteilten sich die Gäste stets nach dem gleichen Muster über die Kneipe. Die Schüler drängten sich an ein, zwei Tische in eine Ecke, die Langhaarigen an einen nächsten. Am anderen Ende des Raumes hockten die Rocker. Einige der Tische waren von verschwiegenen Einzelgängern besetzt, oder von einem Pärchen, das sich hierher verirrt hatte. In der Mitte saßen die harten Kerls am Stammtisch. Sie beherrschten sowohl durch ihre Zahl, als auch durch ihre grölenden Stimmen und ihre offensichtliche Gewalttätigkeit die ganze Kneipe.
Die Diskussion am Stammtisch wand sich von den Scheißroten allgemein über die Arbeitslosen hin zu KZ für Hausbesetzer, Terroristen und Demonstranten. Man steigerte sich gegenseitig zu aberwitzigen Hassergüssen. Die Härtesten waren für Rübe-Runter und Vergasen, während die wenigen Unentschlossenen erst einmal mit dem Arbeitslager zufrieden gewesen wären. Es folgte die unvermeidliche Aufzählung aller persönlich und öffentlich bekannten Anwärter für die geplante Säuberung.
Bevor sich die Kerle einig wurden, ging die Türe auf, und eine Gruppe junger Mädchen im Großmutter-Look kam herein. Sie setzten sich an einen freien Tisch abseits in eine Ecke und gaben durch ihr Erscheinen Gelegenheit zu einem neuen Thema.
Darüber, dass man diese Schnecken nicht mal mit einer Beißzange anfassen würde, waren sich die Säufer schnell einig. Sie regten sich auf, was diese blöden Kühe und Hippieschlampen eigentlich in der Kneipe verloren hätten. Da sie offensichtlich zu blöd waren, sich hübsch zu machen und überhaupt nicht wie richtige Weiber aussahen, sollten sie sich am besten gleich begraben lassen. Immerhin gab ein untersetzter Mickerling, der am Ende des Tisches saß und fast den ganzen Abend nur mit dem Kopf nickte, zu bedenken, dass sogar diese Kühe noch zu schade für die verreckten Hippieschweine seien.
Sie glühten vor Wut, als sie sich ausmalten, was solche langhaarigen Idioten alles mit den Weibern anstellten. Hin und wieder blickten sie gierig-verächtlich zu jenem Tisch hinüber, und man hätte meinen können, dass es bei manch einem kaum eine Beißzange gebraucht hätte.
Das Gespräch kam einen Augenblick ins Stocken, und der Wirt, dem alles scheißegal war, solange die Gäste ihr Geld bei ihm und nicht in der Nachbarkneipe versoffen, nutzte die Gelegenheit und nahm die neue Bestellung auf, die sich auf ein paar Eimer Bier und Obstler beschränkte.
Die Mädchen in der Ecke ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie kamen oft in die Kneipe und kannten die Leute. Und sie liebten es, den Duft der Arbeiterklasse um sich zu riechen, wenn er ihnen nicht zu nahe kam. Sie tranken langsam ihre Viertele und ihr Bier und argumentierten leise aber heftig über gewesene Zweierbeziehungen. Sie lobten das Leben in der Wohngemeinschaft im Bauernhaus auf dem Land und beschrieben die Arbeit am Webstuhl und im bio-dynamischen Garten als Meilensteine auf dem Weg zur inneren Selbstverwirklichung. Zen-Meditationen und orientalischer Bauchtanz vervollständigten ihre Übungen. Nicht ganz einig wurden sie sich allerdings über die Frage nach der Notwendigkeit alternativer Energiegewinnung, da ein Teil von ihren sie befürwortete, die anderen jedoch gänzlich darauf, ebenso wie auf herkömmlich gewonnene Energie, verzichten wollten.
Um Energie, wenn auch in anderer Form, ging es auch am Tisch der Minirocker, die offenbar zu zwei verschiedenen Cliquen gehörten und sich um Drehzahlen und Zylinder, PS und Auspufftöpfe, Hando und Jamasuki stritten.
Bunt geschmückt mit eisernen Kreuzen, AC/DC-Schriftzügen, mit Nieten verzierten Handgelenksmanschetten und ihren Clubabzeichen auf den Jeans- und Lederjacken soffen sie vor sich hin und schwärmten von Maschinen, Hardrock und scharfen Weibern.