Höret, der Sinn ist neu erstanden

Ein Abend bei der Dichtergruppe Nonsensia

1984

Der hallenartige Raum – kunstvoll ausgestattet mit moderner Malerei, bestückt mit breitflächigen, runden Tischen und polsterlosen Holzstühlen – füllte sich in verhältnismäßig kurzer Zeit mit jungen Literaten und Dichtern, akademisch gebildeten Poesieverständigen und Kulturträgern aller Art. Man versammelte sich in einer locker angeordneten Runde um die hölzernen Tische und breitete Manuskripte, Notizblöcke und dergleichen darauf aus.
Bald machte der Gastgeber sich daran, die zahlreich Erschienenen mit einem kurzgefassten Ablaufplan des Abends zu begrüßen und ihnen viel Interesse und Erbauung zu wünschen.

“Moderne Lyrik ist es, der wir uns heute widmen werden. Wir konnten drei Autoren gewinnen, die sich bereiterklärten, aus ihren jeweils jüngsten Gedichtbänden Exemplarisches, ja, ich möchte meinen: Wegweisendes vorzutragen. Ich fasse mich kurz und begrüße als Ersten Herrn Hierholzer-Reizenbach.”

Der Angekündigte erhob sich und stellte sich vor: Allein schon durch seinen Beruf als Dozent für moderne Lyrik befasse er sich wissenschaftlich wie emotional mit den aktuellen Strömungen der Kunst des Wortes. Der Trend gehe weg vom proletarisch-nachlässigen Sozialgewimmer zurück zu wahren Werten des in sich selbst geborgenen Unikats der Dichterseele.

“Keine Sozialphrasen sind mehr gefragt, denn darüber ergießen sich vollauf genügend die immer noch gleichsam geduldeten Zeitschriften aus der Ära der nunmehr abgewirtschafteten Ex-Regierung. Und so rufe ich ihnen zu: Zurück nach vorn! Hinein in die brodelnden Abgründe der unartikulierten Seelentiefe!”

Damit begann er seine Rezitation, wobei er sich auf zwei seiner Ansicht nach richtungsweisende Gedichte seiner Feder beschränkte.

“Fürderhin ein neuer Abschied

Du
die Du
gebettet in faulig-weißes
Japanpapier blickend mich an
trachtest zu fühlen
wisse den Abgrund
ergötzliche Liebeswand
zwischen und gleichsam
über mir und mir

Du
was kümmert mich
dein Auge
haftend auf etwas wie
mir”

Herr Hierholzer-Reizenbach legte eine Pause ein, damit die sichtlich gebannt blickenden Zuhörer sich auf sein nächstes Werk einstimmen konnten.

“Fern aber das Hier

Fliehe von mir
auf dass du mich erahnst
Wohlan ein Laut
Zirpen
Zischen gar
zu nahe erschmettert

Tod lebe
sauge Trockenheit

Ich aber
nein frag nicht”

Unter den Zuhörern legte sich nun die Spannung des Lauschens, als der Dichter endigte. Stimmen wurden laut, die sich über die gekonnt inszenierte Diskrepanz von Intention und Kontemplation äußerten. Gleichsam nach außen fliegend, nähere sich der Dichter dem Kern.
Eine Zuhörerin, die sich selbst als Malerin und Bildhauerin zu erkennen gab, führte an, nicht ohne auf ihre demnächst beginnende Ausstellung hinzuweisen:

“Lieber, lieber Herr Hierholzer-Reizenbach. Ich bin erseelt, in Ihnen einen Gleichen, gleichsam einen Verbrüderten zu ersehen. Wie in Ihrem Werk ahne ich auch bei mir, wenn ich ein Bild beginne, indem ich es mystisch-inspirativ grundiere und dann oft, ach wie oft, erkenne, nun ist es geschafft, es ist fertig und fällt von mir ab, das wollte ich nur betonen.”

Neben der allgemein geäußerten Zustimmung kam jedoch dann Kritik auf, die von einem Herrn ausging, der sich sogleich als der nächste Autor zu erkennen gab.

“Herr Hierholzer-Reizenbach. Ich möchte betonen, wie sehr ich Sie schätze und Ihr Werk bewundere, doch komme ich nicht umhin ihnen mitzuteilen, dass Sie meines Erachtens zu sehr im Diesseitigen verhaftet bleiben. Ist Gott nicht in allem, also auch in mir und in ihnen? Ist er nicht in jedem noch so geringfügigen Teil der Schöpfung gleichsam als dessen Erzeuger verborgen?
Und so möchte ich auf mein Gedicht zu sprechen kommen. Ein einziges nur, das ich Ihnen, verehrte Zuhörer, vorzutragen gedenke. Bewahren sie Herrn Hierholzer- Reizenbachs Vortrag in ehrender Achtung, und dann hören sie mich:

“Pore provisorisch

Ponteresina Pony Pool
Popanz Pool?

Pool Pope Popeline Pony
Popocatepetl
populär Pony Pool
Pöppelmann Ponteresina
Porphyr
Portal Porsche Portanigra Pore
Pornographie!

Pore
Pore Pontersina
Pöppelmann
Pore provisorisch”

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© 2012: Marco Schwarz