Manfred Schmieder saß am Schreibtisch und blickte auf den Bildschirmschoner. Ein dickes, weißes Wort kreiste oszillierend über den schwarzen Hintergrund. ‚Wort’ stand da, oder hätte er etwa seinen Namen oder schlimmer, einen lustigen Spruch, eingeben sollen? Es war kurz vor Feierabend, und wie so oft, wenn das bisschen Arbeit erledigt war, das ihn gerade so über Wasser hielt, versank er ins Grübeln. Ach, wenn er dafür bezahlt würde, fürs ergebnislose Herumhirnen, wäre er längst Millionär. Das konnte er ausgesprochen gut. So aber reichte es eben dafür, dass er sein sündhaft teures Büro in der Innenstadt bezahlen und irgendwie von seinem Geschäft leben konnte.
PC-Arbeit, das gab es an jeder Ecke. Internetseiten, Prospekte, Logos, Briefköpfe, alles ging ihm locker von der Hand, und seine Kunden waren zufrieden. Wenn es doch nur mehr gewesen wären! Oder wenn es Kunden gäbe, mit denen immer wieder ein Folgegeschäft zu machen wäre. Davon hatte er zu wenig. Seine Stärke waren kreative Einfälle, und damit gehörte er zu einer beneidenswerten Minderheit unter den Menschen, aber seine Schwäche, seine blutende Wunde war das Knüpfen von Beziehungen, und zwar ganz egal, ob es sich um Geschäfte oder Privates handelte.
Manfreds größter Erfolg war ihm auch zur Quelle bitterer Niederlagen geworden. Zeit seines Lebens, und das waren fast 55 Jahre, hatte er sich gegen Bevormundung, Gängelung und Unterdrückung zur Wehr gesetzt. Keine Eltern, keine Vorgesetzten sollten über ihn bestimmen dürfen.
„Keiner sagt, was ich zu tun habe!“, war sein Lieblingsmotto.
Und er hatte Erfolg damit. Fast zu sehr. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen war es zum einzig möglichen Zustand gekommen. Er lebte allein und arbeitete selbstständig. Doch auch das kann schwer sein, wenn man den Plan hat, durch Geschäftsbesuche neue Kunden zu finden, dabei aber fortwährend denken muss:
‚Ach, bleib doch weg, lass sie doch in Ruhe. Sie wollen gar nichts von dir!’
Ja, locker und belanglos auf der Strasse mit Nachbarn sprechen, das war leicht. Alles ging leicht und problemlos, genau so lange, wie er mit seinem Kontakt keine bestimmte Absicht, keinen Wunsch verband. Dann wurde er sofort alles andere als locker. Dann wurde er fast verklemmt. Immer war da dieses Gefühl:
‚Sie wollen nichts von dir, lass sie in Ruhe!’
Der einzige Mensch, zu dem Manfred eine Bindung spürte, war sein geliebter Hund. So war er nie ganz allein, denn Hund Konrad begleitete ihn auf allen Wegen. Klar, man konnte nicht mit Konrad in Konzerte gehen, aber bei Konzerten, mitten in einer tosenden Menschenmenge, wären Manfred wie Konrad sofort völlig ausgeflippt. Konrad hätte angefangen, die Umstehenden anzubellen und zu beißen, und Manfred wäre es schwindlig und übel geworden. Also keine Konzerte.
Kneipenbesuche entfielen auch. Es gab genau zwei Gründe für das Betreten einer Kneipe. Entweder man hatte großen Durst und wollte sich voll laufen lassen, was er sich längst abgewöhnt hatte. Oder man wollte eine Frau kennenlernen. An der Theke und an kleinen Tischen hingen all die Versager, die Gestrauchelten, Vereinsamten und Kontaktscheuen, auch die, die Flirtseminare auf Ibiza absolviert hatten, und lauerten auf jeden Rock, der durch die Tür trat. Dazwischen laberten sie sich aus und verbreiteten mindestens ebenso nervtötend ihre Weltsicht, wie es Manfred viel zu häufig tat.
Nein, Konrad störte nie.
Manfreds schwerster Mühlstein am Hals war jedoch nicht seine Kontaktschwäche, sondern das oft leidende, manchmal fast genüssliche Ausweiden deprimierender Gedanken. Aktuell hatte er sich in beispielloser Ignoranz über einen neuen Satz hergemacht, der ihm einfach zugeflogen war:
„Ich kann nicht in völliger Bedeutungslosigkeit leben!“
Jemand hatte ihm erwidert:
„Was meinst du, wie es den anderen Milliarden auf der Erde geht!“
„Die können mich am Arsch lecken! Denen kann ich nicht helfen, aber mir muss ich helfen können!“
Manfred schaltete den PC aus und schloss das Büro ab. An der Tür stand „Manfred Schmieder Internet Service“. Das klang gut, sprach sich aber zu wenig herum.
‚Immer nur missmutig, immer fast verzweifelt, und sei es nur vom Wetter oder einem kleinen Schmerz in der Schulter. Und jeden Tag älter, und fragwürdiger.’
Wer hatte ihn verletzt, wie hatte er gesündigt, dass er so an seinem Leben litt, statt es genießen zu können? Er wusste keine Antwort, fühlte keine Schuld, machte keinem Vorwürfe. Aber da war diese lähmende Ratlosigkeit. Konrad wenigstens freute sich. Statt direkt zum Wagen gingen sie spazieren, ziellos durch die Stadt. Konrad schnüffelte, pinkelte, legte ein Ei in ein Gebüsch, bellte manche Hunde an, freute sich über andere, und genoss ganz einfach sein Leben, so lang oder kurz es sein mochte.
‚Das Leben eines Kriegers ist nur ein Lichtblitz’, dachte Manfred.
‚Cooler Spruch, von den Samurai, und wie wahr. Aber man ist nicht mehr Krieger, nur Bittsteller in einem alles reglementierenden System. Nichts und niemand ist von Belang, nichts hat eine tiefere Bedeutung, jeder ist ersetzbar. Es gibt zu viele Menschen, und keiner schafft es, eine eigentümliche, einzigartige Bedeutung zu erlangen. Dabei braucht es nicht einen wie mich, der nichts geworden ist.
Welche Bedeutung hat denn ein Tageschausprecher? Er verliest Nachrichten und verdient gut. Aber sonst? Ist das alles? Jeder kennt ihn, und wenn er morgen überfahren wird, ist er weg, und ein anderer verliest die Nachrichten. Vielleicht eine schöne, junge, blonde, edle Frau. Oder diese Künstler. Kunst, Kunst, Kunst. Ein guter Weg, sich zu verewigen, aber nur, wenn man Publikum hat, wenn man verkauft. Was sind Romane wert, die keiner liest? Was Bilder, die auf dem Speicher stehen.’
All das hatte Manfred schon getan, hatte Ölbilder auf dem Speicher und veröffentlichte Romane, die keiner las. Kunden, Käufer und Publikum mochten eine Illusion sein. Die wahren Werte des Lebens konnten vielleicht ganz wo anders verborgen sein, aber auch die Illusion hätte er gerne mitgenommen. Hätte seinem Konto beim Wachsen zugesehen, hätte seine Bedeutung aus dem Guthaben und aus Zuschriften und Autogrammanfragen abgelesen. Doch die Illusion war selbst eine Illusion, denn sie fand nicht statt. Natürlich wäre er gern wohlhabend gewesen, nicht, um unnütze Dinge zu kaufen, sondern um ein gutes Gefühl für sein Leben zu bekommen. So betrachtet war Wohlstand Symbol für Bedeutsamkeit.
Es gab andere Wege zur Bedeutung. Man konnte vierzig Jahre lang ehrenamtlich Alte und Kranke pflegen und ihr ganzes Elend in sich aufsaugen. Oder man konnte sehr böse sein. Dr. Joseph Goebbels und Lee Harvey Oswald würden nie ihre Bedeutung und Anerkennung verlieren. Den Namen des Mörders von John Lennon hatte man zwar vergessen, aber man wusste, dass es den Mann gab. Der Oklahoma-Bomber, Tim McVeigh, war durch eine Giftspritze gestorben, doch bestimmt war er in seinen Kreisen ein Held. Oder man konnte etwas total Abgedrehtes tun. Einer von Manfreds größten Helden war jener japanische Soldat, der ganz allein auf einer kleinen Pazifikinsel dreißig Jahre lang die Stellung hielt, weil so sein letzter Befehl gelautet hatte. Man vergaß ihn und fand ihn erst in den Siebziger Jahren.
Wollte man das? Was war schlimmer, Verrücktheit, der Fluch des abgründig Bösen oder Bedeutungslosigkeit? Ließen sich so Amokläufe erklären? Oder gab es einen anderen Weg, nämlich den, all dies als unsinnige Wünsche zu erkennen und sie zu vergessen? Um dann was zu tun?