Sa, 19. April 2014

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bluesman's blog

Small Town Bluesman

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Hobo

1977

Kurz nach Morgengrauen standen sie auf, rollten die Schlafsäcke zusammen, würgten den Rest vom gestrigen Kaffee runter und machten sich dann auf den Weg entlang der Schienen in südlicher Richtung.
Es war ein wolkenloser Morgen, und im Osten färbte sich der Himmel blutrot. Es wollte ein guter Tag werden. Es musste ein guter Tag werden, nach der Zeit des Wartens, denn der Frühling war angebrochen und ein harter Winter hatte seine Boten zurückgerufen. Viele Hobos mussten in dieser schlimmen Jahreszeit ins Armenhaus, manche ließen sich für eine Weile einsperren. Winter in Amerika, das heißt Schnee, Kälte, erfrorene Zehen, verschlossene Türen, verschlossene Herzen, Hunger, eisige Züge, kein Ort, zu dem man unterwegs sein kann. Das heißt auch Totschläge für einen ersehnten Schlafplatz, für einen Kanten Brot, einen viertel Liter Schnaps. Denn auch die Landfahrer sind Menschen, die in der Not ihre Skrupel ablegen. Und Winter ist Not, nackte, blutige Not. Doch nun war Frühling, der Schnee war geschmolzen, und aus allen Ecken und Löchern des weiten Landes kamen sie, die Hobos, die Landstreicher und Hungerleider.
Das Leben begann wieder, ein neues Jahr, neue Reisen, neue Erlebnisse; mochten die Normalen zu Hause an ihren warmen Öfen und Weibern sitzen, an ihrer sinnlosen Tuerei herumwerkeln, – sie hatten diese Sorgen nicht. Kein Haus, aber euch keine Miete, kein Geld, aber auch keine Arbeit, doch den freien Himmel und die Straßen und Gleise und die Züge und die Lieder.

Erfüllt von solchen Gedanken marschierten sie hintereinander dahin, vier Männer, auf den Schienen, nach Süden.
Kurt war fünfzig, deutscher Einwanderer. Er hatte sein Leben lang hart gearbeitet, war im Krieg gewesen, und lebte durchaus normal, ruhig und friedlich, bis eines Tages vom Chef die Nachricht kam, dass Kurt nicht mehr länger gebraucht werde. Kurt ließ den Sack, den er auf dem Rücken trug, fallen, zog seine Jacke an und ging. Er kam nach Hause, sagte seiner Frau, er habe heute frei genommen und wolle auf die Rennbahn gehen. Er steckte sein restliches Geld ein und verschwand. Sie sah ihn niemals wieder.
Jack war Student gewesen, sehr begabt, mit einem Stipendium unterstützt. Mit der Zeit wurde ihm jedoch klar, dass ihn all das unbrauchbare Zeug, das man ihn lehrte, überhaupt nicht interessierte. Er trieb sich noch ein paar Wochen in den Kneipen der Universitätsstadt herum. Dann packte er und ging auf die Walz, als er gerade 24 Jahre alt geworden war. Jacky war ein trauriger Kerl, immer in Weltschmerz und Selbstquälereien verfangen, doch die Kumpane mochten ihn gern, weil er mit seinem Wissen oft eine gute Hilfe und Ergänzung bei den Einkäufe und Unternehmungen war und weil er ein gutes Herz hatte, das spürten sie wohl.
Die beiden anderen waren Musikanten. Sie hatten als fahrende Musiker beide eine schöne Gitarre und allerhand Kleinkram bei sich. Wenn die vier einmal in einen Ort kamen, suchten sie sich einen günstigen Ort für ein Platzkonzert, und die einfachen Landleute freuten sich, dass sie vor den Hobos so schöne Musik zu hören bekamen und waren in ihren bescheidenen Verhältnissen nicht geizig.
Die Musiker hießen Pete und Tom. Sie waren zusammen unterwegs, soweit sie sich zurückerinnern konnten.

So zogen sie dahin. Bald wurde es wärmer. Nach einigen Kilometern erreichten sie einen Wasserbehälter der Eisenbahn, und sie tranken ausgiebig, nachdem sie ihre Feldflaschen ausgewaschen und nachgefüllt hatten. Sie sprachen kaum ein Wort, denn in der langen Zeit, in der sie zusammen reisten, hatten sie in unzähligen Nächten am Feuer oder unter einem Baum im Schatten der Mittagssonne alles Wichtige und Unwichtige besprochen. Außerdem war es Morgen, und da ist man gern eher nachdenklich als gesprächig.

Nach einer kurzen Rast machten sie sich wieder auf den Weg, gemächlich, einer hinter dem anderen, Kurt meist vorneweg, in der Mitte locker vergnügt Pete und Tom und in einem kleinen Abstand folgte Jacky, wie immer grüblerisch, die Hände auf dem Rücken verschränkt, Schlafsack und Umhängetasche über die Schulter gehängt. Man ließ ihn in Ruhe; sollte er nachdenken, wenn er wollte, oft kam etwas Brauchbares dabei heraus.

Kurt war so etwas wie der Anführer der Gruppe. Die anderen hörten auf sein Wort, und was er vorschlug, wurde meist getan. Jacky war der stille Denker. Mit ihm besprach Kurt seine Pläne immer zuerst. Er rief ihn dann:
“Ach, hör mal, Jacky, ich hab da so ‘ne Idee, was meinst denn, wenn wir …?”
Und dann planten sie. Wo man langgehen sollte, ob man etwas zu trinken organisieren könnte, wo ein wenig Geld aufzutreiben sei und ähnliches. Jacky hörte immer still zu, dachte eine Weile darüber nach und antwortete dann:
“Prima, Kurt, das is ne feine Sache, das machen wir!”, und zu den anderen: “He, ihr, was meint ihr, wenn wir …?”
Tom und Pete waren eigentlich immer einverstanden. “Klar, warum nich.”

So war es auch diesmal. Sie beschlossen, in einer Kurve unter einem Baum bis gegen Mittag auf den ‘City-of-New-Orleans’ zu warten. Das war der damals noch täglich verkehrende Güterschnellzug von Chicago nach New Orleans. An der Stelle, wo sie warteten, musste der Zug wegen der Biegung und einer Steigung stark verlangsamen, so dass sie bequem aufspringen und sich einen offenen Wagen suchen konnten.
Bis Mittag war noch zwei Stunden Zeit. Die Sonne hatte schon wieder an Stärke gewonnen, und im Schatten des Baumes war es angenehm, und so setzten oder legten sie sich nieder. Tom und Pete packten ihre Instrumente aus und begannen zu spielen. Sangen Lieder von ihrem Leben, von der Walz, von Bars, von Frauen, die sie hier und dort einmal gekannt haben, von sagenhaften Hobokumpels, vom weiten Land, das ihnen wohl doch noch mehr als den Sesshaften gehörte, bestimmt aber mehr als dem Mr. President in seinem goldenen Käfig.

“This land is my land,
this land is your land,
from the Redwood forest
to the New York Island,
from the Oregon border
to the Gulf stream waters,
this land was made for you and me.” (W. Guthrie)

Die vier waren eine Gruppe, die wie ein Körper lebte. Kurt war der Kopf, Jacky das Herz und Pete und Tom, ohne Abwertung, die Gliedmaßen. Keiner fuhr dem anderen übers Maul; man ließ sich einfach gewähren.

Der Vormittag verging wie im Flug. Mittags kam der Zug. Schnell packten sie ihr Zeug zusammen und kauerten hinter einem Gebüsch, um nicht von den Zugwächtern gesehen zu werden. Denn das kostenlose Zugfahren war eine gefährliche Sache damals; es ist heute kaum vorstellbar, aber in dieser Zeit war es an der Tagesordnung, dass die von den Eisenbahngesellschaften zum Schutz der Züge und der Fracht angestellten Zugwächter gutbezahlt mit sadistischer Freude am Handwerk die Hobos, die niemandem etwas zu Leide taten, bei jeder Gelegenheit grausam vom Zug warfen und bisweilen einfach erschossen.

Es war damals ein beliebter Trick der Hobos, sich unter den Wagen in der Nähe der Achsen festzuklammern, um nicht entdeckt zu werden. Und es war ein beliebter Trick der Wächter, dass sie, auf den Kupplungen zwischen den Waggons stehend, schwere Schraubenschlüssel an langen Seilen unter den Zug gleiten ließen und so den ganzen Zug absuchten und die Hobos mit dem Werkzeug erschlug, das bei rasender Geschwindigkeit blitzschnell auf den Boden aufschlug und tödlich gegen den Wagen schmetterte. Groß war die Freude der Wächter, wenn sie einen Landfahrer auf den Gleisen liegen sahen und so ‘ein Schwein weniger’ auf der Welt wussten.

Jetzt kam der Zug, fuhr sehr langsam an den Freunden vorbei. Kurt peilte nach Wächtern, sah keine, dann rief er: “Los ,jetzt!” Sofort stürmten sie auf den Zug zu. Jeder hielt sich an einem Trittbrett oder an einer Leiter bei den Kupplungen fest und zog sich hinauf. Sie trafen sich auf dem Dach eines geschlossenen Wagens, verschnauften, und schon beschleunigte der Zug wieder. Er hatte die Anhöhe genommen und arbeitete sich nun fleißig und unermüdlich mit beständiger Kraft unter Dröhnen und Schnaufen durch das weite Land, geradeaus, immer nach Süden, noch gut achthundert Meilen bis New Orleans.

Auf dem Dach sitzend entdeckten sie ein Stück weiter vorn einen leeren Wagen mit offener Tür. Sie gingen auf dem Dach nach vorn und kletterten an der Schiebetür hinunter. Es war gefährlich, aber mit Übung gut zu schaffen. Einer nach dem anderen kamen sie in den Raum und setzten sich in eine Ecke; Jacky zog seinen Tabak hervor und gab ihn weiter, nachdem er sich eine Zigarette gedreht hatte. Dann sahen sie im Halbdunkel in der anderen Ecke des Wagens einen kleinen Mann sitzen. Er war abgerissen, in schmutzigen Kleidern, er wirkte sehr klein, unauffällig, ein schweigsamer, in sich gekehrter, demütiger Gammler. Er war wohl schon sein halbes Leben lang unterwegs. Tom und Pete saßen beisammen und unterhielten sich über den nächsten Tag und was sie unten in New Orleans anstellen wollten. Ein Stück davon entfernt saß Jacky. Er hatte ein kleines Büchlein aus der Jackentasche gezogen und schrieb langsam mit sauberer Schrift ein paar Gedanken auf. Dieses Büchlein trug er immer bei sich; es war die einzige ihm verbliebene Habseligkeit aus der Vergangenheit. Vor langer Zeit, so schien es ihm, hatte er es einst von einer Freundin geschenkt bekommen. Kurt musterte den Fremden minutenlang und ging dann zu ihm hinüber.

“He, Kumpel, willst ne Zigarette?” Der Fremde nahm den Tabak und nickte Kurt als Dank mit einem Lächeln zu.
“Ich heiß Kurt, meine Alten sind aus Deutschland. Wo machst denn hin?”

“Ich mach runter nach Orleans, da is jetzt son großes Fest. Seltsam übrigens, ich bin auch aus Europa, aus Polen. Meine Alten kamen rüber, als ich fünf Jahre alt war. Dachten, hier sei’s besser. Na ja, sieh mich an. Das hätten die sich damals wohl nich gedacht. Mein Alter kam hier groß raus, hat Geschäfte gemacht, mords Knete gehabt, dann hat er’s am Herz gekriegt, is schon zwanzig Jahre tot. Ich dachte damals, nee, so wie der Alte wirste nich enden. Hab meinen Job geschmissen und bin ab. Hat meiner Mutter fast das Herz gebrochen. Hm, jetzt hab ich eben keinen mehr, is auch besser so, kannst machen, was du willst, brauchst nich kucken, was irgendeiner sagt. Nee, ich bin schon zwanzig Jahre unterwegs, werd wohl mal in nem Zug das Licht ausblasen. Aber das hat noch Zeit. – Ich red wohl ziemlich viel, was? Is bei mir immer so, mal krieg ich s’ Maul nich auf, und wenn’s offen is, krieg ich’s nich mehr zu, hm.”

“Nee, Mann, is schon recht. Triffst selten einen, mit dem du quatschen kannst, is schon recht.
Weißte, ich hab gute Kumpels, die drei da, prima Typen, wir machen alles zusammen, sind ne richtige Firma zum Überleben. Aber manchmal denk ich mir, war auch schön, wie ich noch alleine war. Amerika rauf und runter. Weißte, du hast mich so richtig angezogen, wie ich hier reinkam, dachte, mit dem musst mal reden. Schau, ich bin jetzt fünfzig, aber ich werd aus dem Ganzen nich schlau. Was isn das bloß fürn Spiel? Wenn ich mal in ner Stadt bin und all die feinen Leutchen sehe, denk ich mir, wäre auch nich schlecht, so in ner Firma, mit ner Frau zu Hause, ‘n kleines Auto und so, verstehste, aber ich würd das nich mehr aushalten, jeden Tag in die Knochenmühle, nee, ich muss immer auf Achse sein. Aber so ganz versteh ich das Leben nich. Schau, unser Kleiner, der denkt immer an son Zeug rum, hat mal studiert, aber er schafft’s nich, mit dem Rumgrübeln aufzuhören. Er denkt immerzu, ich glaub nicht, dass der alt wird. Is aber wirklich ein feiner Kerl.
Sag mal, du hast doch schon ne Menge Jahre aufm Buckel, hast du irgendwas im Leben so richtig kapiert, dass du sagen kannst, is in Ordnung, ich bin zufrieden?”

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