Heiß stach die Spätsommersonne vom Himmel herab. Das Fabriktor stand weit geöffnet und gab den Blick frei über die Laderampe hinaus auf den Hof und die dahinter steil ansteigende Böschung. Die Stempeluhr spielte ihre Feierabendsmusik, und die Fabrikler hatten wieder einen Tag überlebt.
“Also bis morgen, Marian”, winkte Hans seinem Kollegen grinsend zu.
“Ja, tschüss dann, Hans, bis morgen.”
Marian trug sich den steilen Weg die Böschung hinauf zur Bushaltestelle. Oben stand schon eine Gruppe von Arbeitern, und vom Bus war nichts zu sehen. Marian ärgerte sich, und er verwünschte den Bus, die Fabrik, die Hitze, den Sommer und den Tag, Mischung aus zuwenig Schlaf, Radiogeplärre, Busfahrt, Kartons, Stapler, Chefs und Vorarbeitern. Man musste schon Humor haben.
Neben ihm stand sein Kollege Čičo. Das war so einer mit Humor. Wo er das wohl gelernt hatte. Er blödelte den ganzen Tag rum und lachte und war freundlich. Čičo ließ sich veräppeln und lachte dazu. Nun wandte er sich zu Marian und grinste:
“Marian, was machst du am Samstag? Gehst du mit nem Frolein aus?”
“Am Samstag lege ich mich in den Keller zwischen die Kartoffeln und lese Pornos”, brummte Marian, und es fiel ihm ein, dass er keinen Keller hatte.
“No, das ist auch schön”, sagte Čičo und lachte dazu.
Endlich kam der Bus. Es gab nur noch Stehplätze, aber darauf kam es nun nicht mehr an. Nach einer Viertelstunde hielt der Bus vor dem Bahnhof von Marians Heimatstädtchen.
Am Bahnhofsplatz und in der Strasse zur Innenstadt, wo Marian ein Zimmer bewohnte, stank es nach Autoabgasen und schwüler Hitze. Gelegentlich mischte sich ein Duft aus einer nahen Textilfabrik oder aus dem Chemiebetrieb jenseits des Flusses darunter. In der Strasse kochte das Leben; Frauen mit Einkaufstaschen und Plastiktüten bahnten sich ihren Weg aus den Kaufhäusern vorbei an herumlungernden Halbstarken, bummelnden Feriengästen und Gastarbeitern, die ihre freien Stunden herumbrachten. Autos schoben sich ungeduldig aufheulend in die Kreuzung, um heftig beschleunigend und ebenso heftig bremsend am nächsten Hindernis stehen zu bleiben. Jeder trieb sich mit zielstrebigem Eifer vorwärts oder genoss die Eile der anderen.
Marian kämpfte sich verdrossen durch die Masse. Bald bog er in die Fußgängerzone ein und kaufte sich im türkischen Spezialitätenladen ein Eis, das beste Eis, das es in der Stadt gab. Schlotzend ging er weiter. Er kam etwas abseits der Innenstadt zum Park; die dicken und dünnen Mamis mit den Einkaufstaschen wagten sich nicht soweit vor, und der Motorenlärm war kaum zu hören. Dafür war der Park allerdings von unzähligen Kur- und Feriengästen in Beschlag genommen. Manche begannen hier unter Leitung eines untersetzten Männleins eine Stadtführung. Andere stapelten sich gruppenweise vor einem modern gestalteten Denkmal, das einen Trompeter darstellte und für Fremde als Wahrzeichen der Stadt galt.
An ihnen vorbei drängten Jugendliche ins Innere des Parks, und Marian folgte ihnen.
Der Park wurde begrenzt von einer niedrigen Mauer, die auf der anderen Seite tief zum Flussufer hin abfiel. Die Mauer im Schatten alter Kastanien war im Laufe der Zeit für die Sommermonate zu einem Treffpunkt junger Leute der Stadt geworden. Einer neben dem anderen saßen sie, unbelästigt von geldgierigen Wirten und Unruhe verbreitenden Krämern.
Marian näherte sich der Mauer. Er erkannte manches Gesicht und grüßte. Dann ging er weiter in die benachbarte Gartenwirtschaft. Er setzte sich an einen Tisch und bestellte ein Pils.
Das Bier kam schnell; Marian leerte es und bestellte sofort ein neues. Damit ließ er sich Zeit. Eine Zigarette in der Linken, die Flasche in der Rechten sollte die Welt Welt sein, und in Gedanken forderte er jeden Bewohner auf, ihm den Buckel runter zu rutschen.
Er trieb dahin. Ohne festen Gedanken erschienen vor seinen Augen Bilder und Schemen, und sie versanken wieder. Sein Blick verlor sich in den knorrigen Ästen und den sanft rauschenden Blättern der Kastanien über ihm. Das Bier leerte sich, und er achtete nicht darauf. Als Marian aus seinem Tagtraum zurückkehrte, blickte er geradewegs in einen großzügig einladenden Ausschnitt. Er sah auf und erkannte das fragende Gesicht der Bedienung. Sie wollte wohl wissen, ob er noch einen Wunsch habe, und er hätte einen gehabt, aber der Einfachheit halber bestellte er noch ein Bier.
Die Bedienung brachte das Bier, und Marian musste sich wieder ihren Ausschnitt betrachten. Sie trug einen halblangen, schwarzen Rock mit seitlichem Einschnitt und eine weiße Bluse mit dieser einladenden Aussparung. Weit, weit reichte sie hinab.
‘Nun ja, was soll’s', dachte er, ‘Ausschnitt oder nicht, was ändert’s?’
Später kamen allerlei Leute in die Gartenwirtschaft. Sie schienen von einem Bus zwecks Kaffeepause abgeladen worden zu sein. Die Gruppe verteilte sich an die Tische, und alle begannen, wild durcheinander zu schnattern. Wie schön die Stadt sei, wie süß die Aussicht vom anderen Ufer, wie hässlich die neue Trompeterstatue und so weiter. Sie plapperten und laberten und gossen Kaffee in sich hinein; manche tranken auch ein Viertel Wein und nach einer halben Stunde verschwanden sie wieder.
Zeit für ein neues Bier. Erleichtert kam die Bedienung mit einer neuen Flasche an Marians Tisch und schenkte ihm ins Glas ein.
“Ganz schöner Stress, was?” fragte Marian, “aber dem Geldbeutel tut’s gut!”
“Na, so wild ist das auch nicht”, antwortete das Mädchen freundlich. Sie lächelte Marian fast zärtlich an, und er wusste einen Augenblick nicht, ob er weitersprechen oder verlegen wegblicken sollte. Es fiel ihm nichts Belangloses zu sagen ein, und ihren wunderbaren Ausschnitt zu loben traute er sich nicht. Indessen wischte das Mädchen das Tischtuch ab, nahm die leeren Flaschen und wandte sich um. Von einem Nachbartisch rief man nach Bier.
Marian blickte ihr gedankenverloren nach. Ihr Gang, ihre Bewegungen rissen seine Augen hinter ihr her, bis sie um eine Ecke verschwand.
Das Bier zeigte erste Wirkung; Marian träumte bildlos vor sich hin. Gelegentlich rauchte er eine Zigarette. Als die Bedienung wieder in die Nähe seines Tisches kam, rief er sie, um zu bezahlen. Wieder fiel ihm nichts zu sagen ein. Er gab ihr einen Geldschein in die Hand und nahm das Wechselgeld. Das Mädchen lächelte ihn an. Marian stand auf und ging nach Hause.