Eine riesige Stadt; ein ungeheurer Wolkenkratzer; das Gebäude ist vergleichbar mit dem Empire State Building in New York. Ich bin mir nicht im klaren, doch scheint es naheliegend, dass ich in Amerika bin. So fremd wirken die Menschen, die ich bisweilen bemerke. So fremd wirkt die Stadt. Ein Fremder in einem fremden Land.
Das Gebäude ist, gemessen an seiner riesigen Höhe, sehr schmal, wahrscheinlich quadratischen Grundrisses. Es ist im modernen Stil gebaut, eine Verbindung von Stahlbeton und großen, klaren Fenstern. Ebenfalls quadratischer Flächenaufbau. Der Bau strahlt eine normierte, unbeteiligte Kälte und Gefühllosigkeit aus, dessen Seele, wenn er überhaupt eine hat, die eines im Nordmeer treibenden Eisberges sein muss.
Trotz der unnennbarer Höhe befinde ich mich aber nun in erreichbarer Höhe des Gipfels, der Spitze. Wenige Stockwerke davor verengt sich die Grundfläche ein wenig, sodass an dieser Stelle ein kleiner Absatz, ähnlich einem Fensterbord, entsteht. Dieser Absatz ist von einem etwa schritthohen Geländer begrenzt, wohl zur Sicherung der Arbeiter, wenn es hier einmal was zu tun gibt.
Auf der Etage hinter dem Absatz sind Büroräume untergebracht, und ich muss irgendwie dorthin gelangen, denn scheinbar habe ich da eine Anstellung in geringer Position. Warum ich nicht den Fahrstuhl im Inneren des Hauses benutze, weiß ich nicht. Doch auch von außen trennen mich nur noch ein paar Dutzend Meter von meinem Ziel.
Den bisherigen Weg muss ich ohne Schwierigkeiten überwunden haben, zumindest ist mir davon nichts bewusst. Dennoch scheint der Rest des Weges nicht zu bewältigen, zumal ich plötzlich auf jenem Absatz eine Anzahl Menschen erblicke, die mich durch ihre Sicherheit und Ruhe in eine gefährliche Unsicherheit stürzen. Augenblicklich wird mir die tödliche Gefahr bewusst, in der ich schwebe, dieser alles verschlingende Abgrund, der mich doch bis jetzt gar nicht berührte.
Indessen scheinen jene mir unbekannten Menschen keinerlei Schwindel oder Angst zu empfinden. Sie stehen auf dem Absatz, als ob es eine völlig alltägliche Sache sei. Unbekümmert stehen sie auf dem schmalen Stück Rettung, lehnen sich lässig an die Wand oder an das Geländer; einige sitzen sogar auf der Brüstung oder stehen auf dem nur zentimeterbreiten Auslauf des Absatzes, ohne sich festzuhalten. Ihre Unbekümmertheit versetzt mich in äußerste Angst.
Die Menschen blicken in die Tiefe, so als ob sie etwas Interessantes, einen Vorgang beobachten, an dessen Ausgang sie jedoch unbeteiligt sind. Da schießt es mir in den Kopf: Ich bin es, den sie beobachten.
Immer schwieriger wird mein Unterfangen, undurchführbar erscheint es und ebenso fragwürdig. Was soll ich überhaupt auf diesem verfluchten Klotz? Warum versuche ich nicht zu fliehen? – Doch nur die Flucht nach vorn, nach oben ist möglich. An einen Abstieg ist nicht zu denken, denn ein einziger Blick nach unten würde mich sofort umbringen. Sähe ich dem Abgrund ins Auge, so würde er mich augenblicklich verschlingen.
Ich muss also versuchen, den Rest des Berges zu erklimmen. (Mittlerweile kommt mir das Gebäude wie ein Berg vor, die zu ersteigende Mauer wie eine Steilwand mit Überhängen im Hochgebirge.) Keine klimatische Eindrücke, weder warm noch kalt, weder feucht noch trocken.
Ich sehe es jetzt genau vor mir: die Menschen sind vergessen. Die Wand ist in ihrer Gesamtheit glatt, doch im Kleinen aus grobem Beton. Vereinzelt stehen Eisenteile hervor. Ich hänge völlig hilflos da.
Da höre ich eine leise, zarte, vielleicht weibliche Stimme. Sie versucht, mich zu ermutigen, sagt mir, es sei nicht mehr weit. Dann macht sie mich auf Haltegriffe aufmerksam, die ziemlich regelmäßig in den Beton gehauen sein sollen. In meiner verzweifelten Angst wage ich kaum, den Arm nach einem dieser Griffe auszustrecken. Das Schwindelgefühl wächst ins Unerträgliche, doch die Todesangst gibt mir Kraft. Ich greife nach einem der Griffe, doch im Greifen erkenne ich, dass er mein Körpergewicht niemals tragen kann. Wieder steigt die Angst. Wieder ertönt die Stimme. “Nicht das, das sind nur Drähte. Weiter drüben.”
Nun erblicke ich die mögliche Rettung. Wie an einem Fabrikschornstein, jedoch unregelmäßig und nicht gerade winden sich die Haltegriffe einer nach dem anderen nach oben. Allerdings weichen sie ein Stück von meinem eigentlichen Ziel ab und wenden sich etwas mehr nach links, wo der Gipfel nicht ganz so hoch und der Überhang nicht so steil ist.
Mit letzter Anstrengung ziehe ich mich Zentimeter für Zentimeter hinauf, nicht ohne immer wieder in diese alles lähmende Angst zu verfallen. Ich weiß, ich darf nicht hinabsehen, wenn ich nicht stürzen will. Und das will ich nicht.
Die Menschen bleiben unsichtbar. Überhaupt erfasse ich das Gebäude nicht mehr in seiner Gesamtheit. Ich sehe nur die zu überwindende Strecke. Langsam, sehr langsam gelingt mir der Aufstieg. Dann schaffe ich den Überhang, immer mit jener seltsamen Stimme im Ohr.
Ich vergesse die Angst, und fast erscheint es mir, als würde ich, vielleicht an einem Seil, die letzten Meter bis zu Grat gezogen.