Der Onkel aus Polen

1982

“Ja ja, der alte Stefanek hat’s gut
kann Sommer und Winter im Freien bleiben
braucht keine Miete zu bezahlen
und keinen Knatsch mit Behörden zu erdulden
hat sogar einen Schlafsack aus Holz
und ne prima Höhle einsfuffzig tief
in einer südbadischen Maden- und Wurmkolonie.”

Tot und begraben ist er schon seit fünf Jahren, nachdem er die letzten Monate von der Welt kaum bemerkt in seinem Zimmerchen und in drittklassigen Krankenhausbetten abgesessen hatte.
Seine Erscheinung war so schmächtig und unauffällig, dass sie wohl jedem, der ihn sah, im Gedächtnis hängen bleiben musste. Billige abgetragene Hosen flatterten um seine dünnen Beine; die dunkle Jacke war alt. Seine Hände zitterten beständig, und die Rechte stützte ihn beim Gehen auf einen Stock.

Dieser Mensch war auf eine jämmerliche Weise mager, so dass ihm wohl niemand den Wunsch nach etwas Essbarem abgeschlagen hätte, nur – ihm war nicht nach Essen.
Auf dem Kopf trug er eine Baskenmütze, die seine stark ergrauten Haare. nur teilweise verdeckte. Sein Gesicht trug den für den väterlichen Teil unserer Familie typischen Ausdruck – eine Mischung aus Empfindsamkeit und Härte, bei ihm ergänzt durch einen Hang zur Traurigkeit und Weinerlichkeit. Was ihn äußerlich von den Verwandten unterschied, war neben seiner offensichtlichen Krankheit und Gebrochenheit ein Zug, der unserer Familie völlig abging: er hatte Humor. Wenn er auch nicht den zu seiner Lage passenden Galgenhumor aufbrachte, sondern vielmehr häufig bitter und trostlos weinte, so besaß er doch einen fröhlichen Humor, der ihn zu einem wenn auch bedauernswerten, immerhin aber umgänglichen und sympathischen Menschen machte.

Was seine Tränen betrifft, so ist zu sagen – auch bei ihm: Säufertränen zählen nicht. Mein Onkel Stefan war ein Säufer.

Das letzte Bild der allein in meinem Hinterkopf vorhandenen Biographie Stefans zeigt einen Sarg, niedere Preisklasse, in der Friedhofskapelle aufgebahrt. Dann am Grab die Trauergemeinde, die Stefan jetzt, da er tot ist, in ihr kleintüriges Herz aufnimmt. Da stehen sein Vater, mit steinernem Blick, seine Schwestern, seine Brüder, zum Teil von weit angereist. Seine Mutter hätte ihn beschimpft für die Schande, die er ihr angetan hatte, wäre sie nicht ein Jahr zuvor gestorben.
Etwas abseits Stefans Vermieterehepaar, ältere, freundliche Leute, die sich zuletzt sehr um ihn gekümmert haben, und der Bierhändler mit Frau, aus er Ukraine, in ehrlicher, tiefer Trauer, und in Sorge um die ausstehenden Rechnungen, aber: “Stefan war so ein guter Mensch, so ein guter Mensch, und was hat er jetzt? Und wie böse waren sein Vater und die Schwester!”
Dann die unvermeidlichen Blumen in die Grube und eine Schaufel voll Dreck drauf, nach dem Sermon des Pfarrers. Später verlieren sich die Trauergäste einzeln oder in Gruppen, und die Arbeiter schaufeln das Loch zu.

Tage zuvor liegt Stefan im Sterben, 42 Jahre alt, angeschlossen an zahllose Drähte und Schläuche, die nichts helfen. Seine Augen stieren verglast ins Weite. Der Anblick ist nur minutenlang zu ertragen, und die Schwester im Krankenhaus darf keine Auskunft geben.

Die letzten beiden Jahre seines Lebens verbringt Stefan krank und arbeitsunfähig. Er hat Rückenschmerzen, Rheuma, und liegt wochenlang im Krankenhaus. Jeden Tag eine Spritze in den Rücken, tief hinein, und jeden Tag sein Bier, vier, fünf Flaschen auch hier. Immerhin wird es in der Kantine des Krankenhauses gekauft.
“Der Doktor sagt, ich muss schon trinken!”
Offensichtlich hoffnungslos. Während der Besuchszeiten spielen wir Karten. Stefan erzählt von früher, erkundigt sich nach seiner Familie, die ihn längst gestrichen hat. Sein Vater, der einen Kramladen besitzt, zieht ihm die Kosten für Rasierzeug, Unterwäsche und Zigaretten von der Sozialhilfe ab, die seit langem überwiesen wird. Stefans Bett steht im riesigen Männersaal, den er mit fünfzehn bis zwanzig anderen Kranken teilt. Die Männer schlafen, oder sie unterhalten sich. Sie bekommen Besuch, oder sie beneiden sich wegen des ausgebliebenen Besuchs. Andere träumen sich durch den Fernseher hinaus in die Welt.
Auf dem Flur rauchen wir und trinken ein Bier. Als Stefan entlassen wird, sitzt er wieder in seinem Zimmerchen, das immerhin einen Balkon mit Aussicht auf den zertretenen Fußballplatz und auf seinen jetzigen Wohnort, den Friedhof, bietet.

Überhaupt Fußball – oft sitzen wir in seinem Zimmer und schauen uns ein Fußballspiel an, trinken Bier und rauchen. Der Höhepunkt, als Deutschland 1974 bei der WM 1:0 gegen Polen gewinnt. Und wieder typisch für unsere Familie:
“Was machen die! Wenn ich spiele, dann steht es schon 2:0 oder 3:0 für uns!”
Wie gesagt, typisch.

Sein Zimmer ist möbliert mit einem Bett, einem recht leeren Kleiderschrank (“Gestern hab ich den Anzug am Bahnhof verkauft. Für 30 Mark!”), einem Waschbecken, in das er pisst (“Das Klo ist oben, und ich kann so schlecht auf der Treppe gehen.”), einem Tischchen mit zwei Sesseln, einem Fernseher, schwarz-weiß (schwarz), neben dem Bett einem Nachttisch, neben dem Waschbecken einer kleinen Anrichte mit einer Kochplatte.
Hunger hat er nicht. Die Tüte mit Lebensmitteln, die ich ihm mitgebracht habe, muss ich wieder mitnehmen, außer einem halben Brot und etwas Wurst. Das Bier behält er, und wir trinken gleich eins und sehen fern. Er zeigt mir ein pornografisches Kartenspiel und freut sich, als mir das eine oder andere Bild gefällt.

Hin und wieder schleppt er sich zu Fuß in die Stadt, wofür er eine gute halbe Stunde braucht. Seit er keine Arbeit mehr hat und krank ist, wird sein Fall zwischen den Ämtern herumgereicht. Wenn er arbeiten kann, müsste er vom Arbeitsamt und von der Krankenkasse unterstützt werden; wenn nicht, muss er Rente beantragen und auf dem Sozialamt betteln. Einige Wochen vor seinem Tod wird der Rentenantrag genehmigt, und er kann ein paar Mal eine lächerlich geringe Summe kassieren. Genauer: Sein Vater kassiert das Geld wie auch die Sozialhilfe und lässt es Stefan brockenweise zukommen, nachdem er die Miete überwiesen und seine Auslagen abgezogen hat. Krämerseele.

Eines Tages wälzte sich Stefan vor Schmerzen auf dem Fußboden; Magendurchbruch – das Rauchen und das Saufen. Wieder Wochen im Krankenhaus. Ergebnis: Zwei Drittel des Magens entfernt, eine lange nicht verheilende Wunde über dem Bauchnabel, sonst alles beim alten, nur – Stefan wird nicht mehr gesund. Er muss trinken. Ich weiß nicht, wie viele Jahre er täglich getrunken hat. Jetzt ist er ein Greis, dessen einzige Freuden das Biertrinken und Zigarettenrauchen sind. Zigaretten: Ernte 23 oder Gedrehte.
Das Bier holt er sich (wenn er nicht im Krankenhaus ist) in der Nachbarschaft bei einem freundlichen älteren Herrn, Opa Schuster. Er bekommt Rente und betreibt nebenbei eine Getränkeablage. Stefan hat Kredit. Oft sitzt er mit Opa Schuster hinter dem Haus im Garten bei einer Flasche Bier.

Von den sieben Jahren, die Stefan von 1970 bis 1977 in Westdeutschland (in unserem Städtchen) lebte, arbeitete er mit gewissen Pausen etwa drei bis vier Jahre. In dieser Zeit und während der vorhergehenden (versuchten) Eingliederung wohnte er im Haus seiner Eltern. Später suchte und fand man für ihn ein möbliertes Zimmer und hoffte, damit werde, wenn es sich schon nicht änderte, sein wüstes Leben wenigstens in erträglicher Ferne weitergehen. Und wirklich sah man ihn nach dem Umzug nur noch selten. Ab und zu telefonierte er mit seinem Vater und bat um verschiedene Kleinigkeiten, die ich ihm dann nach Hause oder ins Krankenhaus brachte.

Seiten: 1 2 Nächste

© 2012: Marco Schwarz