Heute, an einem freien Tag, schleimt der Herbst herbei. Es ist Samstag, und ich habe das fragwürdige Glück, wieder einmal einen ganzen Tag in meiner Bude hocken und nachdenken zu können. Denn so sehr ich auch jene Arbeitstage, an denen ich zu nachtschlafender Zeit aus dem warmen Bett heraus in die schnöde Welt der Betätigungen kriechen muss, wo ich mein kaum sinnvolles Werk des Hilfsarbeitertums verrichte, womit ich mein Essen und meine Miete und ein wenig(?) Alkoholisches finanziere und mir eine vorläufige Lebensberechtigung bescheinigen lasse, – so sehr ich jene Tage verabscheue und mich wie Millionen anderer Proleten fünf Tage lang innig auf das Wochenende freue, gibt es doch gelegentlich einen Samstag wie heute, an dem ich denke, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich nicht frei hätte.
In gewissen Phasen sich immer wiederholend läuft es vor meinem fragenden Geist ab, und es lässt sich nicht ändern. Da ich mir einmal vorgenommen habe, mich bei inneren Schwierigkeiten so ehrlich als möglich nach den Ursachen zu fragen, die diese Zustände hervorrufen, werde ich jetzt von einem anderen Vorsatz abgehen. Ich habe mir vor kurzer Zeit auferlegt, die Schreiberei an den Nagel zu hängen oder aber mich darauf zu beschränken, etwas ‘Schönes’ zu schaffen, so gut es eben geht. Viel zuviel Zeit musste ich damit vergeuden, dass ich mich in ekelerregenden Ergüssen der verbitterten Wehmut von all dem Müll befreien musste, in dem ich mich so oft fast ertrinken sah. (“Wermut kommt von Wehmut.”)
Erst vor wenigen Tagen unterhielt ich mich wieder mit einem guten Freund, mit dem ich für längere Zeit Wohnung, Lebensweise und auch Schreibversuche teilte. Er arbeitet im Augenblick an einem Buch, in dem er sich ohne jegliches System mit seinen Eindrücken und Erlebnissen von gestern und heute beschäftigt und diese so unzensiert als möglich zu Papier bringt. Ich halte das für eine gute und interessante, wenn auch nicht auf mich übertragbare Methode und las sein Manuskript mit Vergnügen. Im Laufe des Gesprächs stießen wir auf einen entscheidenden Unterschied im Selbstverständnis unseres Arbeitens. Es ging um unser Verhältnis zur Kultur’.
Während ich in meiner Liebe zu allem Schönen, Friedlichen und Ausgewogenen an den Werken des Kulturschaffens aller Zeiten hänge, während ich von einem Wunsch des Weiterführens dieser Kultur beseelt bin, indem ich versuche, in einer Zeit der gefühllosen, nackt-kalten Maschinen und groben Klötzen mit meinen Worten und Schriften dieser Kälte entgegenzutreten und also etwas Schönes zu schaffen, lehnt dieser Freund das Dasein und den Wert der Kultur im heutigen Leben ab. Niemals möchte er diesen Anspruch für sich geltend machen, ja, er spricht davon, dass die Kultur überhaupt nicht mehr lebe, dass sie irgendwo in diesem gottverdammten Schrott verschüttet sei.
Oh, mit welcher Begeisterung hielt ich ihm noch vor Tagen meine Überzeugungen entgegen, versuchte, ihm meinen Willen zum Schönen zu verdeutlichen.
(Ich muss zugeben, dass meine Art des Schreibens eine Gefahr in sich birgt. Die Gefahr nämlich, dass ich mich zu einem Werkzeug der Berieselungsmaschine mache, sollte je ein Text von mir veröffentlicht werden. Denn die beständige Darstellung eines letztendlich nur ausgedachten Schönen führt einen allzu idealistischen Leser leicht zu einem Rückzug aus der miesen Wirklichkeit, wo er doch gerade da für den Kampf ums Gute nötig ist usw.)
Und um zum Anfang zurückzukommen, nun sitze ich hier in der Bude und überlege mir, was in den letzten Tagen geschehen sein mag, das mich so aus der Bahn werfen konnte. Die vergangenen Wochen brachte ich in abwartender Zufriedenheit zu; ich ertrug das Arbeiten ohne größere Schwierigkeiten, ich freute mich über Kleinigkeiten, ich ging gerne abends ein Glas Wein trinken, unterhielt mich mit Bekannten und war durchaus geneigt, dem Alltag seine netten Seiten abzugewinnen. Die Zeit verging in gelassener Fröhlichkeit mit gelegentlichen Abfällen.
Und jetzt dieser Einbruch: Ich sitze meine Zeit ab, bin unzufrieden, missmutig, scheue mich vor dem Zusammenkommen mit Menschen und brauche sie doch. Ich trinke schlecht gelaunt ein paar Glas zuviel, empfinde keine Lust auf all den Kleinkram, der mich sonst aufheitert. Wie kommt das?
Natürlich weiß ich es, und was mich noch mehr verdrießt, wissen es auch einige Leute, weil ich nie das Maul halten kann und mir damit schon zu oft auf die Füße getreten bin. Natürlich ist es wieder mal ein Weib, ein Mädchen aus meiner Umgebung. Lange schon kenne ich diesen Zustand, ich schwimme im Gefühl. Lange schon kenne ich das, und es wiederholt sich. Ich bin aufgedreht und schlecht gelaunt.
Wie oft verliebte ich mich in ein Mädchen, von dem ich genau wusste, dass wir nie zusammen kommen würden, sei es, weil sie längst einen anderen hat, sei es, weil sie aus einer ganz anderen Umgebung kommt, weil sie eines andern Geistes Kind ist. Die Kristallisation des Wunsches zum Unglücklichsein. Denn kaum einmal begehrte ich ein mir erreichbares Mädchen oder gar eins, das sich sichtlich um mich bemühte. Auch das gibt es. Immer muss es die Eine sein, und es gab so viele Eine in meinem Leben, dass ich niemals all ihre Namen nennen könnte. Sicher, es gelang der eine und andere “Feldzug zum Weibe”, doch nach einer Zeit löste sich immer alles in Luft auf. Ich sage mir, alles oder nichts und bekomme nichts. Bis auf den heutigen Tag ist es mir unvorstellbar, mit einer Ungeliebten durch die Straßen zu schlendern und “meinem Schwarm” zu begegnen. Sofort müsste ich die Flaggen tauschen, verließe ein Schiff und würde auf das andere doch nicht eingelassen. Seltsam ist das.
Das Mädchen, das mir heute nicht aus dem Kopf weichen will, sehe ich fast jeden Tag. Ich kenne sie seit einigen Jahren, als wir beide zur Schule gingen; sie war vier Klassen unter mir. Ich war wohl achtzehn oder neunzehn Jahre alt, als ich sie zum ersten Mal bemerkte. Ich begegnete ihr auf einer Treppe in der Schule und sie lächelte mich an. Ich war auch damals in einer ähnlichen Verfassung wie heute und freute mich über jedes Lächeln. Und erst dieses Lächeln. Wir lernten uns nach und nach näher kennen, sprachen über dieses und jenes, und wir standen viele Pausen zusammen herum. Einmal, so erzählte sie mir neulich, als es stark regnete, begleitete ich sie nach Hause und hielt ihr den Schirm. Und sie hat es nicht vergessen.
Später verlor ich sie aus den Augen, bis sie in diesem Jahr eines Tages unerwartet in meine Stammkneipe kam, sich zu mir setzte und mit mir zu sprechen anfing. Auf einmal erwachten alle meine Schülergefühle. Sie saß da, und ich bewunderte sie um ihre Zierlichkeit, um ihre ‘Nettigkeit’, ich war rasch entzündet. Doch mittlerweile war aus dem kleinen Schulmädchen eine junge Frau geworden, sie hatte einen Freund und, na ja. Dann erfuhr ich, dass sie sich von ihrem Freund, der ein netter Kerl ist, getrennt hatte, und da beginnt der Punkt, an dem ich mich am liebsten dreimal täglich mit einer harten Rute verbläuen lassen sollte.
Warum kümmerte ich mich nicht um sie? Warum ließ ich alles schleifen? Gut, sie wohnte in einer anderen Stadt, aber ich hätte mich um sie kümmern müssen, dann säße sie vielleicht heute hier und nicht bei ihrem neuen Freund, den ich auch sehr schätze, aber, wie die Natur es eingerichtet hat, mag ich mich selbst ein kleines bisschen mehr.
Nun, ich werde nicht daran zugrunde gehen, aber der Motor läuft halt nur auf drei Zylindern.