Männerwohngemeinschaft

1989

Da gibt es einen Kerl
in unserer Stadt, den kenne ich schon
seit dem ersten Schuljahr.
Verdammt, das sind 25 Jahre.
Fünfundzwanzig Jahre, in denen ich
was? erreicht habe.
Ich
lebe noch, liege noch nicht im
Gasherd. Ist doch
was.

Nun, der Kerl, den ich kenne,
ist etwas merkwürdig, hat sie nicht
alle auf der Platte, arbeitet nicht,
war schon ein paar Mal in der Klapsmühle.
Ein Schizo.
Hält sich für Friedrich Schiller
oder den kommenden Bürgermeister
unserer kleinen Stadt.

Ich habe seit langem kaum noch mit ihm
zu tun. Muss auf meinen Umgang
achten, wenn ich es mir bei den Weibern
nicht völlig verscheißen will.

Gestern traf ich ihn in einem Cafe.
Er hatte eine verdammte Rechnung
von 22 Mark. Wie macht er das nur?

Er fing an zu brabbeln, ob ich
denn noch in dieser
Männerwohngemeinschaft lebe.

Ich fragte ihn, ob er mich für
schwul halte.
Er sagte was von
Hitler und,
das käme für ihn nicht in
Betracht.
Er redete eine Menge Stuss.

Jetzt muss ich mir
von dem schon vorhalten lassen,
dass ich
kein Weib
an Land ziehe.

© 2012: Marco Schwarz