Ich hasse das Dauergeklimper
Mittwoch, 11. Januar 2012 | von Marco Schwarz
Ja, ich hasse das Dauergeklimper wirklich! Im Kaufhaus ist es mir egal, denn ich hasse jede Art von Einkaufen sowieso. Im Supermarkt stört es schon mehr, denn essen muss man. Vor allem, weil immer wieder das gleiche Lied angespielt wird. Aber wirklich schlimm ist es in meiner "Medienzentrale", will sagen, in meinem Zimmer mit PC, altem Fernseher und Radiowecker. Ich fing schon an, die Musik selbst zu hassen. Jetzt hatte ich eine Erkenntnis.
Im Fernsehen gibt es eine Musiksendung, "Kuno’s", die in kleineren Sendern läuft, bei mir bei TV-Südbaden. Kuno ist ein alter Knacker, ein Veranstalter, der alle Musiker kennt, und ziemlich lustig. Er stellt Bands von früher vor und was sie heute tun. Gestern war eine meiner ewigen Lieblingsbands dran: "Wishbone Ash". Und da ging mir das mal wieder auf:
Nach 45 Jahren Musik hören und 40 Jahren eigenem Gitarrenspiel und Musikerträumen war mir die ganze Musik abgefault, ich konnte sie nicht mehr hören. So suchte ich den Defekt bei mir, hielt den Musikhass ("Phonophobie??") für eine Art Depressionsäußerung, für einen Ausdruck meiner Gesellschaftskrankheit. Nichts weniger als das!! Es ist ein Zeichen meiner Gesundheit! So wie man kotzt, wenn man etwas Schlechtes gegessen hat, so machen die Ohren dicht, wenn innen etwas spürt, dass es zugeklimpert und vergiftet wird.
Genau beim Hören und Sehen der Wishbone-Ash-Aufnahmen wurde mir klar, dass ich immer Opposition war, dass 95 Prozent der Produktionen Mist sind, Verschwendung von Energie, Resourcen und Geld. Und das war immer so, seit ich lebe. Ich habe immer den Mainstream gehasst, einfach, weil er Mist ist. Heute ist es ganz extrem mit dem unnützen Gesinge überall. Jeder muss Sänger sein. Gesellschaftlich stellt es sogar einen großen Schaden dar, finde ich, denn es dient der Volksverblödung, und das kann für das Volk nicht gut sein. Dummerweise sind die 95 Prozent Schrott aber genau passend zu den 95 Prozent der Menschen, die diesen Schrott so mögen. Was soll man nur machen? Nichts!
Wishbone Ash führte mich weit zurück, nach 1971, als ich mit 16 in der Obersekunda des Scheffelgymasiums sass. Wir hatten den Klassenraum in einem Nebengebäude, einer alten Villa, und damals tat sowieso jeder, was er wollte. So hatten wir einen kleinen Plattenspieler für die Pausen, und manche brachten ihre neuesten Schätze mit. Zu der Zeit war ich glühender Fan von CCR, und ich maße mir an zu sagen, dass ich aus unerfindlichen Quellen schon immer einen Draht dazu hatte zu erkennen, was echt ist und was Dreck. Ich könnte ein Buch darüber schreiben, warum ich welche Band hasste, doch zum Glück blieb so viel übrig, dass ich später zu einer großen Plattensammlung kam. Da standen dann u.v.a. Jackson Browne, Rory Gallagher, The Doors, Van Morrison und die Allman Brothers.
Eines Tages gab mir meine Schulkameradin Ulrike – noch zur CCR-Zeit – zwei Platten zum Hören mit nach Hause: Ten Years After, "Watt" und eben Wishbone Ash, "Pilgrimage". Was für eine Offenbarung! Auch Ten Years After sensationell, dieser Druck, diese Kraft, aber weit mehr Wishbone Ash. Hier hörte ich zum ersten Mal diese Gitarrenmusik, einstudierte zweistimmige Melodien, die dann genau zu meinem Wunsch führten, selbst Gitarrist zu sein. Man muss es selbst hören. Ich hatte sie ganz vergessen und immer die Allman Brothers zu meinen Vorbildern erhoben, zu Recht, aber nicht allein. Nebenbei gesagt wird dort auch gesungen, aber der Gesang ist nicht so erdrückend dominant, sondern ordnet sich eher wie ein Instrument ins Gesamtbild ein.
Nun werde ich im Keller nachsehen, ob ich von Wishbone Ash auch CDs habe oder ob ich tatsächlich den Plattenspieler wieder anschließen muss! Ich freue mich aber über die sehr gesunde Erkenntnis, dass nicht die Musik schlecht ist, dass nicht ich krank bin, sonsern dass es diese verfluchte Gleichschaltungs-Afterkultur ist, die mich wieder einmal veräppelt hat!
Mein Lieblingszitat von Wishbone Ash:
I have to be a warrior,
A slave I couldn’t be.
A soldier and a conqueror
Fighting to be free.("Warrior, Argus")
Und ganz nebenbei fällt mir ein, dass aus meiner Karriere zwar nichts wurde, dass ich es aber zumindest geschafft habe, ein Lied zu komponieren, aufzunehmen und ein paar Mal öffentlich zu spielen, das auch ein wenig dieser geliebten zweistimmigen Gitarren vorweisen kann.