Krankheiten für den Doppelhypochonder

Donnerstag, 15. September 2011 | von

Marco Schwarz

Das Schlimmste sind Krankheitsängste.

Bei weitem. Hypochonder nennt man diese weit verbreitete Menschenart. Damit lebe ich seit frühester Zeit und musste oder besser durfte feststellen: Weder die Krankheiten noch die Ängste davor – und die vor den Behandlungen – haben mich bisher vernichtet oder auch nur in große Bedrängnis gebracht!

Ängste können dich zerfressen. Sie machen dich unfähig für normalen menschlichen Kontakt. Klar, Angst vor körperlicher Nähe macht nicht gerade einen guten "Stecher", also Frauenaufreisser, Angst vor Höhe ist schlecht für einen Bergführer. Ich finde, eine der schlimmsten Ängste ist die Hypochondrie. Alles andere erscheint und verschwindet, die Höhe, die Spinne, der enge Lift. Krankheiten können jederzeit und überall ausbrechen. Es bleibt nur die Frage, wann einen der entscheidende Hammer trifft. Wann haut es mich um, wann kommt der Krankenwagen?

Es kann einen auch langsam zerfressen, so, dass man noch allein zum Arzt gehen kann. Entscheidend hierbei ist eine Frage:
Wird es wieder gut? Die hypochondrische Grundannahme ist: Nein, das wird sicher nie mehr gut. Der entscheidende hypochondrische Mangel ist: Kein Vertrauen ist Leben.

Jeder wird mal krank, jeder ist ständig von Erregern umgeben, jeder kann umknicken und sich eine Sehne im Fuss abreissen. Ja, abreissen, denn Zerren macht keine Angst. Die Hypochondrie unterteilt sich in mehrere Abteilungen: Angst vor der unheilbaren Krankheit. Angst vor der Diagnose. Angst vor der Behandlung. Das Hinterhältigste ist die Angst vor der vermeintlich "harmlosen" Behandlung. Es gibt keine harmlose Behandlung!

Der Zahnarzt will nur eben eine lose Krone befestigen und entdeckt ein Geschwür im Rachen. Man lässt sich einen Dauerpickel entfernen. Leicht gemacht, wenn nicht daneben schon der Hautkrebs wucherte. Und so weiter.

Die müßigste Frage ist, wie man dazu kommt. Nicht zu beantworten. Wie wird man es los? Abgesehen davon, dass ich sowieso fast keinen kenne, kenne ich keinen, der es hatte und wieder los wurde. Wie geht man damit um? Darauf habe ich eine verläufige Antwort gefunden.

Kein Psychoklempner kann helfen, kein Gespräch mit anderen Betroffenen. Jedenfalls nicht wirklich. Das einzige, was mir jemals dabei half, war die Erkenntnis, dass ich trotz jahrelanger wiederkehrender Bauchschmerzen immer noch ohne Probleme leben und herumlaufen kann! Jahre der Angst und der Schmerzen bewirkten nichts als weitere Angst und schlechte Laune! Mittlerweile habe ich einen Punkt erreicht, wo ich denke:
"Mann, 56 Jahre durchgehalten. Andere liegen längst in der Kiste. Man kann schimpfen und fluchen und immer weitermachen. Eines Tages fällt einen das Schicksal, aber heute stehe ich noch hier!"

Das hat mir sehr geholfen. Nur leider wurde ich inzwischen zum Doppelhypochonder.

Der Doppelhypochonder

Nachdem ich mit dem ersten Leiden einigermaßen zurecht kam, entstand ein zweites. Nun bin ich auch noch Hundehypochonder! Bei meinem ersten Hund Willi hatte ich noch keine Ahnung von Hundekrankheiten. Und er hatte auch kaum welche, lebte 15 Jahre lang und starb fast friedlich nachts an Herzschwäche. Mit dem zweiten Hund Harri ging das Drama los.

Harri hatte einige Probleme, Analdrüsen, Haut, Verdauung, und dazu machten mich die Frauen verrückt, mir denen wir damals eine morgendliche Hundehorde bildeten, so dass ich immer häufiger mit Harri zum Tierarzt musste. Was es da alles gab, was ein armer Hund alles an widerlichen Hundekrankheiten bekommen konnte! Harri wurde nur 12 Jahre alt. Eines Tages fing er an, vorne rechts zu hinken. Es wurde nie mehr besser, trotz aller Behandlung, trotz weit mehr als 1000 Euro Arztkosten und unbezahlbarerer Nervenanfälle. Harri jaulte täglich bei bestimmten Bewegungen, und zwei Mal schrie er ganz von allein viele Sekunden lang so wahnsinnig laut vor Schmerz, dass ich total durchdrehte. Schweiss lief mir den Kopf runter, ich zitterte, mir war schlecht.

Es ging fast ein Jahr so, dann kamen noch weitere Krankheiten dazu, und schließlich empfahl mir der Tierarzt, ihn einschläfern zu lassen, weil alles nur immer schlimer würde.

Es geschah, ich kündigte Harris Steuer und Versicherung, verschenkte alle seine Lebensmittel, warf den Rest weg, baute die Hundehütte in der Küche ab und beschloss, nie mehr einen Hund zu haben. Ich war nur kurz befreit, denn ich stellte mir verzweifelt die Frage:
"Wo ist Harri jetzt?"

Nur die Religionen konnten helfen. Aber welche? Ich verrate es gern: Meine ist die, von der ich komme, katholisch, wenn ich auch der "Sache" emotional nicht recht näher komme. Doch für Harri gab sie keine Antwort. Das Nichts? Ein naiver Hundehimmel? Wiedergeburt?
Ich las und grübelte und wurde immer verrückter, so dass ich sogar zu einer Psychoberatungsstelle ging. Nach vier Wochen war ich so weit: Klapsmühle oder ein neuer Hund!

Seit vier Jahren habe ich nun Dino. Der Tierarzt wird uns nicht mehr los, ich aber mein Geld. Dauernd ist irgendwas. Zum Glück bisher nichts schlimmes, aber dauernd wird ein Alarm ausgelöst, und das ist nicht gut. Dafür habe ich bisher keine Lösung gefunden als den Notbehelf, immer wieder die Sorgen abzuarbeiten, die sich aufstauen.

Scheiss Krankheiten!

  

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