Das Leben an sich

Samstag, 17. September 2011 | von

Marco Schwarz

Die Natur verabscheut nicht nur das Vakuum, sondern auch das Individuum. Anders kann ich mir das Drama des Lebens nicht erklären. Die Beobachtung der Welt lässt nur einen Schluss zu: Der Einzelne zählt nichts. Nur die Statistik zählt.

"Der Zuversichtliche hat die schlechte Nachricht noch nicht bekommen." Bert Brecht

Angenommen, Materialismus und Atheismus haben recht, angenommen, das einzige, das existiert, ist das sinnlich Wahrnehmbare, angenommen, das Leben ist nur das, was ich von mir bis dort draußen erkennen kann, wozu soll dann das Leben gut sein? Zum Feiern? Was?
Mir ist vollkommen klar, dass sich fast niemand bewusst mit solchen Fragen auseinandersetzt, und das wäre gut so, denn das macht endlos traurig. Aber wenn ich mir den Zustand der Gegenwart ansehe, wie ich ihn selbst und durch die Medien erkennen kann, drängt sich die Vorstellung auf, dass weite Teile der Menschen unbewusst oder unbedacht von genau dieser Annahme ausgehen. Entsprechend trostlos gestaltet sich ihr Leben.

Irgendwo im Neuen Testament steht über die Gottlosen:
"Darum lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot."

Genau so ist es, und handelt nicht ein großer Teil der Welt genau so? Saufen, feiern, ach, schon Morgen. Arbeiten, bauen, sparen, kaufen, ach, schon alt.

Die materielle Welt missachtet das Individuum. Kein Einzelner zählt. Erbarmungslos und kalt wird jeder hinweggerafft, der einen falschen Schritt tut. Tiere werden überfahren, gefressen, stürzen in Schluchten, Bäume knicken im Sturm, Menschen schwimmen und ertrinken. Unmöglich, auch nur einen Teil aller Varianten aufzuzählen.

In der Natur scheint nur die Menge zu zählen: Gibt es nach einer bestimmten Zeit von einer bestimmten Art oder Gruppe noch Individuen? Mehr? Weniger? Keine? Stark? Schwach? Gesund? Krank? Können sie als Art überleben? Ich argwöhne, dass selbst diese statistische Fragestellung noch rein menschlich-mitfühlend ist, denn die Natur wird sich nicht einmal für eine gesamte Art interessieren.

"Ständig siehst du alles nur negativ!"

Ja. Ich weiss. Es ist negativ!

"Hasst du denn das Leben so?"

Nein. ich liebe das Leben. Zumindest mein eigenes und das derer, die mir nahe stehen. Und ich habe Mitgefühl für viele andere. Doch genau das zerreisst einen. Alles ist Anwachsen und Vergehen. Man lernt alles, was es zu lernen gibt, und wenn man es kann, ist man alt, wird krank und stirbt. Alles, was man jemals bekommen hat, wird einem wieder weggenommen. Kann daran etwas nicht negativ sein?

Ich kenne all die Sprüche, dass Veränderung und Entwicklung der Neuen nur durch den Tod der Alten möglich sind. Ich bräuchte das aber nicht, ich verändere mich lieber andauernd selbst. Das würde mir völlig ausreichen.

Woody Allen:
"Du wirst in unseren Herzen weiterleben."
"Ich will aber in meinem Appartment weiterleben!"

Das unentrinnbare Verhängnis begann, als der Mensch sich seines individuellen Wesens bewusst wurde. So lange er sich über seine Stammeszugehörigkeit definierte, ging es nur um den Stamm, das Dorf, das Volk. So etwas kann lange überleben. Deutsche gibt es seit über Tausend Jahren, die Stämme unserer Vorfahren weit länger. Mich dagegen seit 56 Jahren, und wie lange noch?

Seltsamerweise hat gerade die Aufklärung Gott und alles Jenseitige von uns gestoßen, hat dieses Konstrukt der "unveräußerlichen Menschenrechte" erfunden, hat den Menschen selbst zum Allerhöchsten erhoben – und kann ihm doch nichts weiter bieten als dieses "esset und trinket, denn morgen seid ihr tot."

Von 1789 bis hin zur "EUdSSR" und der ominösen "Neuen Weltordnung" herrscht ein Trend, ein sehr zynisches "Zurück zur Natur": die Verachtung und Geringschätzung des Individuums. Man spricht immer vom Dritten Reich, wie unbedeutend dort ein einzelnes Leben war. Das stimmt auch, aber was zählt der Einzelne heute?
Gehen Sie einmal mit Wünschen zum HartzIV-Amt und sagen Sie, Sie würden gerne individuell behandelt werden. Sie seien Künstler, hätten einen Hund und einen unbeugsamen Lebenswillen, aber nicht die Kraft, sich an den Schmutz und das Geschleime der Welt anzupassen! Seien Sie froh, wenn Sie nur ausgelacht werden!
Nein, lieber wollte ich mich einer kirchlichen Inquisition aussetzen, denn bei aller Propaganda gegen sie wurde dort wenigstens davon ausgegangen, dass Gott die Seele jedes einzelnen liebt.

Fazit

Für mich ist klar: Ohne Transzendenz, also einen Glauben, ist das Leben zum Verzweifeln. Man sollte es einmal ernsthaft versuchen. Und welchen Glauben? Ich empfehle den, aus dem man kommt, denn beweisen lässt sich keiner so richtig. Aber auch der Atheismus muss jeden Beweis für Evolution, Urknall und Materialismus schuldig bleiben. Bewiesen ist nur: Er macht verzweifelt und unglücklich.

  

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