Gegen halb sechs Uhr, als es bereits wieder dunkel war, stieg Marian am Bahnhof seines Heimatstädtchens aus dem Bus. Verpackt in seinen Mantel schlenderte er misslaunig in die Stadt hinein, ohne dass er überlegte, wohin er gehen sollte. Oft kehrte er so heim. Er fühlte sich nicht müde, obwohl die Arbeit anstrengend war; daran hatte er sich gewöhnt. Nicht gewöhnen wollte er sich an das dumme Einerlei, welches die Tage ihm boten.
‚Den Tag verkaufen, um sicher zu schlafen.’
Ein Satz schoss ihm durch den Kopf. Woher gleich? Er kam nicht drauf.
Seine Tage plätscherten dahin, Woche für Woche zerfiel unter immer neuen Kartons, Säcken, Gesichtern. Nicht nur das, er konnte sich nicht beklagen über seinen Arbeitsplatz. Er hatte es selbst so gewollt, wie man ihm immer zu erkennen gab, wenn er mit Bekannten von früher zusammen war. Warum auch hatte er alles hingeworfen?
Sollten sie ruhig sein. Was verstanden sie? Nein, die Arbeit war erträglich, die Kollegen mehr oder weniger nett, nie unfair, jedenfalls nicht absichtlich. Aber dieses Sündigen, dieses sündhafte Verprassen des Lebenslichtes, das unmerklich langsame Abbrennen der Kerze … Wofür all das Gerede, die Sucherei, Suche wonach? Sinn, Lebensinhalt, Gutsein, ach, kotz, dieser Irrsinn. Ein Labyrinth im Großhirn hielt die Pforten geschlossen.
Grübelnd und sinnierend ging er weiter, nahm nicht wahr, dass er auf seinem Weg längst entschieden hatte, nicht nach Hause zu gehen. Gedanken umkreisten ihn und schoben ihn in eine Zuflucht.
Als er eben in der Altstadt, die nur fünf Minuten vom Bahnhof entfernt war, durch eine überdachte Gasse ging und zu sich kommend aufblickte, fand er sich vor der Wirtschaft ‚Zur Fuchshöhle’, in der sich damals täglich eine Menge bekannter und unbekannter Leute seines Schlages und Wirtshausgäste jeder Art niederließen, um den Tag ausklingen zu lassen oder auch ihn vollständig dort zu verbringen.
Marian wandte sich zum Eingang. Auf den letzten Metern fiel ihm auf, dass das Wetter umgeschlagen hatte. Wolkenverhangen lag der Nachthimmel, die Luft schien viel wärmer als morgens und roch nach Schnee.
‚Dreckswinter’, dachte er, doch er holte tief Luft, bevor er eintrat.
Drinnen fand kein Wetter statt. Der Lärm und die Hitze des überheizten Kachelofens in der Mitte der Wirtschaft übertönten für Augenblicke jede andere Sinnesempfindung. Marian zog den Mantel aus und schob die Ärmel von Hemd und Pullover hinter die Ellenbogen. Er blickte sich im Raum um. Alle Tische waren von mehreren Personen besetzt.
Er ging nach links drei Schritte in die gegen die restliche Wirtschaft abgegrenzte Nische, in der er und seine Freunde und Kumpane am liebsten saßen, wenn Platz war. Am längsten der vier Tische sah er seinen Freund Michael sitzen, der ihn am vergangenen Abend besucht hatte. Michael saß am Kopfende des einzigen deckenlosen Tisches im Lokal mit dem Rücken zur Wand. Marian nickte ihm zu und setzte sich rechts neben ihn. Michael nickte zurück und fragte:
„Was machst denn schon hier? Sonst bist du doch um die Zeit noch nicht in der Kneipe.“
Wirklich hatte sich Marian im Laufe der Zeit eine Einteilung angeeignet. Nach der Arbeit ging er gewöhnlich erst heim in seine Wohnung. Dort aß er zu Abend, hörte Musik, las ein Buch oder versuchte sich hin und wieder an Gedichten und ähnlichem.
„Ach, verdammt, das kotzt mich alles so an. Dieses hohle Drecksleben, Arbeiten, Fressen, Saufen, Schlafen. Was soll’s, das kennst du ja.“
„Na, na“, erwiderte Michael, der Marians Launen kannte. „Trink erst mal ein Bier, dann sieht’s gleich anders aus.“
„Und wenn nicht, dann saufen wir eben so“, behielt Marian das letzte Wort und rief nach der Bedienung, die sich an einem der Nachbartische zu schaffen machte.
„ Bitte zwei Bier und zwei Leberkleister.“
Die Bedienung eilte nicht sonderlich. Dann kam das Bestellte, die beiden schenkten ein und prosteten sich zu. Erst den Likör, dann einen großen Schluck Bier.
Die Fuchshöhle füllte sich. Leute kamen und gingen. Es war Donnerstag, und manche der Dauergäste hatten zwei ‘fuchslose’ Tage hinter sich, denn die Wirtschaft hatte dienstags und mittwochs geschlossen. Michael und Marian hatten bereits die dritte Runde Bier hinter sich, als der andere Besucher der letzten Nacht hereinkam. Er trat an den Tisch und stieg hinter Michael vorbei über die Bank an die hintere Tischseite.
„Na, ihr Suffköppe!“, und zur Bedienung: „Zwei Bier!“
„Du hast’s grad nötig“, stichelte Marian freundschaftlich. Man kannte sich.
„Was meint ihr, wen ich gesehen habe?“, sagte Wolfgang, der dritte, als er seine zwei Bier erhielt.
„Wahrscheinlich ein Teenie, bei dem du dein Glück probieren willst. Oder einer, dem du deine letzten zwanzig Mark als Schuldenanzahlung geben musstest“, tippte Michael und trank sein Glas leer. Marian schloss, dass er deshalb zwei Bier bestellt habe, damit jeder etwas zahlen müsse.
„Unsinn“, entgegnete Wolfgang. „Helmut ist wieder da.“
Und wie gerufen öffnete sich die Tür, und herein kam Helmut, Schlafsack und Rucksack an den Trägern in der Rechten, und besetzte zielsicher neben Wolfgang einen Platz am Tisch.
Helmut kam von einer Anhalterreise aus Südfrankreich zurück, obwohl er ursprünglich dem Winter fortlaufen und das Frühjahr hatte abwarten wollte. Er hatte das Gymnasium hingeworfen und war gegangen. Jetzt war das Geld zu Ende. Er ließ seinen Notgroschen für zwei Runden Bier mit Leberkleister springen.
Gegen elf Uhr trank Marian aus.
„Ich geh heim, Miete abwohnen. Ich habe morgen noch was vor.“
Er stand auf und ging. Michael begleitete ihn.
Draußen schneite es. Eine Wohltat nach der dicken, verrauchten Kneipenluft. Sie stapften heimwärts, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sprachen nicht viel. Bevor sie sich an einer Kreuzung trennten, sagte Michael:
„Weißt du, ich glaube, ich weiß, was dir fehlt. Du brauchst mal wieder eine nette Freundin. Da musst du nicht immer so viel jammern. Mach dich doch mal an die Kleine ran; die heute am Tisch neben uns saß. – Also, bis morgen dann.“
„Bis morgen“, grüßte Marian und schlenderte davon.
‚Mag schon sein, dass er recht hat,’ dachte er. ‚Richtig, da saß so ein nettes Teenie. Aber das hat gar keinen Zweck. Man kann sie nur kaputt machen. Und überhaupt. Was soll’s.’
Marian erreichte die Haustür und kämpfte sich die 53 Stufen bis in den vierten Stock hoch.
‚Aus der sterilen Bude muss ich bald raus’, dachte er, als er im Zimmer den Mantel ablegte, eine Platte rauskramte und im Sperrmüllsessel eine Zigarette rauchte. Da fiel ihm ein, woher der Satz kam, der ihm am Abend durch den Kopf geschwirrt war. ‚Den Tag verkaufen …’ Die Platte begann. Ton-Steine-Scherben. Helmut hatte sie ihm geliehen, bevor er abreiste.
‚Wenn der Wecker um halb sechs fröhlich sein Liedchen geigt, und ich mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bette steig …’
Das war Marians Guten-Morgen-Lied, zur rechten Bewusstseinsbildung, wie er sagte. Als er das Licht löschte, zeigte der Wecker 23.51 Uhr.
Anderntags ein garstiges Winterlied. Tristesse superieure. Es schneite. Die Welt war totenweiß. Was fühlt der Speck im Gefrierfach?
Marian blieb bis kurz vor sieben liegen und raste dann ohne Frühstück zum Bus. Es war noch zu früh zum Frieren.
Stempelkarte: 07.30 Uhr. Der Durchgang war vollgepackt, als Marian müde den Mantel auf seinen Arbeitstisch warf und zur Rampe ging. Die Kollegen rauchten. Karl und Tschitscho saßen auf der Sackkarre, Domenico und Antonio auf einer zweiten. Hans stand am Rand der Rampe und sah zu, wie der R16 parkte und der Fahrer näher kam. Antonio stand auf.
„Chef kommt. Heute viel Arbeit. Komm, Marian, Karton holen.“
Marian ging mit, und Hans folgte ihnen. Am linken Ende der Rampe, wo sie in einer Erhöhung des Platzes auslief, bogen sie ab und betraten den langen Gang, der im Inneren durch die ganze Fabrik führte. Dort standen die Paletten mit den neuen Kartons. Hans nahm Antonio zur Seite und sagte:
„Antonio, mach langsam. Fuzzi kann froh sein, wenn wir überhaupt anfangen.“
Antonio nickte und zündete sich eine Zigarette an. Nach einigen Minuten schob jeder einen Hubwagen unter eine Palette, pumpte die Last hoch und einer hinter dem anderen zogen sie sie in die Packerei.
Fuzzi war Versandleiter und hieß Keltenberg. Irgendwann hatte er sich seinen Spitznamen eingehandelt, ohne dass jemand wusste wieso. Er war ein verträglicher Mensch, der selten trieb, aber er mochte die Arbeiter nicht herumstehen sehen. So zogen sie sich während mancher kurzen Pausen, wenn sie nicht auf die Rampe hinaus gingen, in die Umkleidekammer zurück, die eigentlich ein geplanter, jedoch ungenutzter Lastenfahrstuhlschacht war. Dort verschwanden sie aus dem Blickfeld.
Als die Kartons an ihrem Platz standen, kam Schmidt, und die Arbeit fing an. Diesmal war die Sendung für Frankreich bestimmt, keine Seefracht. Also wurde die Arbeit verkürzt, die Kartons nur gefüllt, verschlossen, gewogen und gestempelt. Marian stempelte: 5770/1, Firmenname, Made in West Germany. Es ging zügig voran.
Bei 5770/20 riefen Tschitscho und Hans: „Schneller!“
Sie wollten damit Schmidt ärgern, doch der freute sich und wurde zusehends lustiger, wie immer, wenn die Arbeit lief.
5770/51: Frühstückspause.
Nach der Pause, in der Marian zwei Würste mit Brot und einen halben Liter Limonade verschlang, folgten noch einige Kartons, bis die Sendung verpackt war. Anschließend musste ein Lkw mit den Säcken von gestern beladen werden, wobei alle mit den Sackkarren halfen. Es folgten kleinere Sendungen mit Pausen.
Die Mittagspause verschlief Marian auf drei Säcken; der Nachmittag brachte wenig Arbeit. Marian fertigte Expresssendungen ab, Muster, die an zukünftige Kunden verschickt wurden, und Punkt fünf war Schluss, Feierabend, Wochenende.
Zeit zum Lottozettel abgeben.