So, 20. April 2014

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bluesman's blog

Small Town Bluesman

Romane • Gedichte • Texte • Kommentare

Leseprobe: Tage gehen vorbei

Tage gehen vorbei
Roman
RHY-PRESS-Buch Nr. 2
1. Auflage
Marco Schwarz
TAGE GEHEN VORBEI
© 1982 Marco Schwarz
Bergseestr.17
7880 Bad Säckingen
Gesamtherstellung:
Marco Schwarz mit Unterstützung der
ArGe Druck und Literatur e.V., Bad Säckingen
Alle Rechte vorbehalten
Herausgegeben von der
ArGe Druck und Literatur e.V.
Postfach 1441
7880 Bad Säckingen

© 2009: Marco Schwarz
Widhagstr. 5
79713 Bad Säckingen

Verlag Books on Demand Norderstedt
ISBN: 978-3-8391-1025-6
EUR 13,90

Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen:
Tapferkeit, Eigensinn und Geduld.
Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß,
und die Geduld gibt Ruhe.
Hermann Hesse

Stechuhr!

Stechuhr!

Tja, die Uhr. Irgendwie symbolisiert sie den ganzen Mist, den der junge Mann erleben musste.
Leider zeigt das Bild nicht die Original-Uhr aus der Fabrik, denn nach der Entlassung wollte ich einfach nicht mehr dort hingehen …

1.

Wie eine Festung erhebt sich die mächtige Vorderfront der in die Talsenke des wasserreichen Schwarzwaldflusses gebetteten Fabrikanlage über den schmalen Vorhof und die vorbeiführende Landstrasse. Ein eiserner, mannshoher Gitterzaun, dessen Tor geöffnet steht, umgrenzt den Hof. Vorbeikommende Autofahrer folgen zügig der ansteigenden Strasse entlang der Seitenmauer der Fabrik und erreichen eine Anhöhe, und sogleich stürzt der Blick hinab in den linkerhand tief unterhalb gelegenen weiten Hof, der den Bediensteten des Betriebes als Parkplatz dient. Zwei Fahrstreifen bleiben frei, für ankommende und abfahrende Lastwagen, die im Untergeschoss des hinteren, langgezogenen Gebäudeteils abgefertigt werden.

Im Eckhaus eines langen Häuserblocks mit Geschäfts- und Büroräumen im Erdgeschoss brannte nur noch in einer der vielen Einzimmerwohnungen Licht. Die verschlafene Grenzstadt am Hochrhein träumte ihrem nächsten Arbeitstag entgegen und ließ sich dabei kaum von einer Gruppe torkelnder Heimkehrer, höchstens durch die quietschenden Reifen eines Autos kurz aus der Ruhe bringen.

Marian saß in seinem Zimmer auf der Bettkante und trank den Rest einer Bierflasche leer. Eben zogen sich seine beiden Besucher ihre warmen Mäntel über.
„Also dann, Marian, mach’s gut. Oder besser, lass dich eine Woche krankschreiben“, grinste einer der beiden, strich seinen Bart zurecht und ging aus der Wohnung. Der andere mit schulterlangen Haaren warf ein ‚Tschüss!’ in den Raum und folgte.
„Tschüss dann“, erwiderte Marian und schloss die Tür hinter ihnen.

‚Ihr habt gut reden’, dachte er.
‚Ihr geht alle zwei Wochen zum Arbeitsamt und seid fein raus.’

Marian setzte sich wieder auf sein zum Bett umgeklapptes Sofa. Er rauchte eine Selbstgedrehte, legte sich zurück und setzte den Aschenbecher auf den Bauch. Aus dem Plattenspieler drang gedämpft Musik, ‚Rollin’ and tumblin’ von Canned Heat. Gute, harte Bluesmusik. Gerade heraus. Ja, rollen und taumeln, so läuft das ab.

Als die Platte zu Ende war, schaltete er aus. Er lag im Bett und löschte das Licht. Der Wecker zeigte 01.37 Uhr.

Traumlos und kurz war die Nacht. Ein kleppernder Metallton jagte die Seele in verborgene Bereiche des Kleinhirns zurück. Marian erwachte und stand nach kurzem Kampf auf. Angezogen und gewaschen saß er dumpf am Tisch und trank eine Tasse Nescafé. Eine Zigarette, kein Gefühl.
Zehn vor sieben. Zeit zu gehen. Marian griff sich seinen Mantel vom Kleiderhaken im Flur, schloss die Wohnungstür ab und zündete beim 53-stufigen Abstieg aus dem vierten Stock noch eine Zigarette an.
An der Haustür empfing ihn eisiger Wind. Die Schneereste am Straßenrand waren steinhart gefroren. Ein sternenklarer Himmel stand vor der Dämmerung.

„Scheisse“, murmelte er und klappte den Kragen hoch. Bis zum Bus, der ihn zum fünf Kilometer entfernten Arbeitsplatz bringen sollte, hatte er nur einige Minuten zu gehen. Fröstelnd machte er sich auf den Weg.
Am Bus wartete er einen Augenblick vor der geschlossenen Tür, dann klopfte er sanft ans Fensterglas und unterbrach den Fahrer beim Studium der Bild-Zeitung.

Auf der unteren Hälfte der Titelseite räkelte sich mangels Katastrophen eine dralle Blondine unter der Schlagzeile: „Jetzt reicht es: Inflation, Arbeitslosigkeit, Rentenbetrug! – Wohin führen uns die Roten?“ im vermutlich heißen Sand am Meer irgendwo dort, wo man mit siebzehn noch Träume hat.

‚Alles Leben ist Leiden.’ Diese buddhistische Weisheit schien sich auch hier im Westen der Welt morgens früh im deutschen Winter zu bewahrheiten. Keinen Trost gab der Gedanke an all die Millionen Menschen, die jetzt so wie er auf dem Weg zur Arbeit waren oder eben von der Nachtschicht heimgekehrt ihre grauen, faltigen Gesichter ins Kissen drückten, um den Morgen zu verschlafen.

An der Haltestelle auf der Anhöhe über dem Betriebsparkplatz stiegen einige graue Gestalten aus und eilten hinunter. Marian, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, trottete hinter ihnen her. Am unteren Fabriktor verloren sich die Gestalten, und Marian durchquerte allein verschiedene Abteilungen bis zu seinem Arbeitsplatz in der Packerei. Mancherorts herrschte noch Ruhe; anderswo hatten die Kollegen bereits zu arbeiten begonnen.
Die Packerei erreichte er gerade rechtzeitig vor halb acht. Während er seine Stempelkarte in die Stechuhr steckte, grüßte ihn der sympathische, alte Italiener Domenico, der sich für einen Vorarbeiter hielt und wohl auch einer war.

„Marian, goffedamme, schnell!“
Die Karte zeigte einen schwarzen Eindruck. 07.28 Uhr.

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