Der Frühling kam, und die Berechtigung auf Arbeitslosengeld lief aus. Um weiter Geld zu bekommen, und weniger als zuvor, wäre es nötig gewesen, dass er eine Einkommenserklärung seiner Eltern beibrachte. Marian hätte eher Dreck gefressen, als dass er seinem Vater diese doppelseitige Entwürdigung geboten hätte. Dessen Warnung, „Eines Tages wirst du als Straßenkehrer enden!“ klang ihm im Ohr. Das konnte er sich und ihm nicht antun. So lautete das bittere Los: Arbeiten.
Er klapperte verschiedene Firmen ab, die seiner nicht bedurften, bzw. mit einem langhaarigen, ungelernten Arschgesicht nichts anfangen konnten. Endlich vermittelte ihm Michael einen Job bei einer Gebäudereinigungsfirma, bei der er Fenster und Marian ab folgendem Montag Böden schrubben musste. Die Sache ging zwei Wochen gut. Fürs Fensterreinigen erachtete man ihn für zu unbegabt, aber die Arbeit war erträglich.
Dann die Entwürdigung. Am Montag der dritten Woche fuhr ihn der Geschäftsführer zur Pforte einer riesigen, weiß verdreckten Chemiefabrik. Er wurde ins Innere des Betriebes geleitet, man händigte ihm eine Stempelkarte aus und eröffnete ihm, er sei hier, um eine Woche lang 87 Scheißhäuser auf dem gesamten Betriebsgelände zu säubern.
Er war so erschüttert, dass er sich erst eine halbe Stunde durch den Betrieb führen ließ. Zurück an der Pforte ließ er dem Geschäftsführer der Reinigungsfirma ausrichten, er habe den falschen Mann ausgesucht, und fuhr mit dem Bus nach Hause.
Angesichts der Scheißhäuser spürte er Tränen von Hass und Wut aufsteigen. Nun fühlte er sich stark. Eine Entscheidung. Das Schlimmste war abgewendet.
Wieder beim Arbeitsamt. Seit geraumer Zeit gab es Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für schwer vermittelbare Arbeitslose. Er erfüllte alle Bedingungen. Zum 1. April wurde ihm eine Stelle in der Stadtgärtnerei zugeteilt. Na prima, für acht Monate mit einem leichten Job versorgt, und dann konnte er wieder stempeln gehen.
Während er die folgenden Monate mit Unkrautjäten in öffentlichen Anlagen der kleinen Stadt zubrachte, gelegentlich dem bisweilen leicht einschläfernden Tun entwich, indem er sich für schwere Arbeiten wie Schaufeln und Pickeln meldete, und besonders am Gras Zusammenrechen eine Vorliebe fand, während er also tat, was zu tun war, und dabei merkte, dass es sich nicht lohnte, wenn er sich übermäßig anstrengte, da alle, vom Faulsten bis zum Fleißigsten, den gleichen Lohn und sowieso kein Lob bekamen, ereignete sich im Privatleben – nichts Erwähnenswertes. Er hatte Jenny aus den Augen verloren. Die Wahrheit war natürlich, dass sie ihn mied.
Eines Samstags ging er mittags ins ‚Eck’, eine kleine Kneipe mit Theke, ein paar Tischen, Spielautomaten und lauter Musik, in der Teenies und Jungtrinker herumlungerten. An einem der Tische saß Jenny mit Schulkameraden. Halb cool, halb betroffen ging er zu ihr. So richtig peinlich und schuldbewusst fühlte er sich erst in dem Moment, als es sie wiedersah. Und in einer Sekunde erkannte er, dass sie ihm nahegekommen war, dass er sie vermisst hatte in den vergangenen Wochen. Sie gab sich sehr zurückhaltend. Ihm fiel nichts besseres ein als:
„Na, gibt’s dich auch noch?“
Da stand er in seinem schwarzen ‚Pfarrersmantel’, den er sich zur Imagepflege und Selbstaufrichtung zugelegt hatte. Jenny erzählte ihm, dass sie über Weihnachten mit dem elterlichen Reiseunternehmen auf der Insel Ischia im Golf von Neapel gewesen war.
Mit dieser Begegnung kehrte Jenny verhalten in sein Leben zurück. Vermutlich begann er in der Zeit, in der er sie nicht sah, sie gern zu haben. Ob sie ihm den widerlichen Abgang nach dem Schulfest verziehen hatte oder es je tun würde, wusste er nicht.
Ekelhaft! Widerlich! Mit seinen Arbeitskollegen stand Marian in dreckigen Klamotten auf einem einachsigen Anhänger mit hoher Brüstung, der an eine kleine Zugmaschine angehängt war. Zweck des hölzernen Anhängers war es, das Arbeitsmaterial, also Schaufeln, Besen, Spaten und Eimer herumzufahren, das gejätete Unkraut abzutransportieren und die Arbeiter zu den zu bejätenden Anlagen zu bringen. Im ‚Blauen Anton’, dieser widerwärtigen, verhassten deutschen Arbeitskluft, stand er auf dem Wagen, neben Kollegen, denen das nichts ausmachte, und er fühlte mich angepisst, ausgekotzt, in die tiefste Schande gestoßen, wie ein Frevler, der auf den Marktplatz gefahren und dort am Pranger angespuckt und verhöhnt wird. Und er sah sie ihn ansehen und dachte ihre Gedanken: Der war doch auf dem Gymnasium, der hat das Abitur, der hat doch studiert, das kommt davon. Dass sie nicht ihre Kinder vor ihnen versteckten, als sie vorbeifuhren, war alles.
Der Anhänger wurde zum Kurzentrum gefahren. Alle saßen ab, rüsteten sich mit Werkzeug und Eimern und machten sich über das Unkraut in den Anlagen und auf den Flachdächern der Gebäude her. Er schämte sich, es kotzte ihn an. War das seine Alternative zur bürgerlichen Karriere? Eine Weile stempeln und saufen und dann ganz tief unten bittend und dankend wieder einsteigen, wo er geglaubt hatte, oben ausgestiegen zu sein? Waren Befreiung und Unabhängigkeit zwangsläufig mit Demütigung und Erniedrigung verbunden?
Marian stand gerade in einer Grünanlage am Eingang des Kurzentrums, in der Hand den Spaten mit den vier Zinken, im Mund eine Zigarette. Herbei fuhr ein metallic-brauner Opel Diplomat – richtig, Jenny mit ihrer Mutter. Sie wollten die in den Gebäuden ausgehängten Anmeldelisten für Busfahrten prüfen. Wieder wünschte er einen Blitz herbei, der ihm in den Arsch fuhr und vor allem das Gesicht unkenntlich zurückließ.
Kein Blitz, Jenny sah ihn, winkte ihm und grüßte freundlich. Er grüßte eisig zurück. Sein Magen zuckte und die Knie zitterten.
Die Abende verbrachte er in der Fuchshöhle und, da der Sommer gekommen war, bei Festen am Flussufer der kleinen Stadt oder an Lagerfeuern in den nahegelegenen Wäldern, mit Bier, Zigaretten und Gitarrenmusik. Gelegentlich war Jenny dabei. Manchmal begleitete er sie wieder nach Hause, wobei sie sich nett unterhielten, ohne dass etwas weiteres geschah.
Für ein Wochenendgelage mietete die Koma-Gang ein Freizeithaus in den Bergen. Es wurde gesoffen wie irre. Von Freitagabend bis Sonntagnachmittag dauerte das Durcheinander aus Frauen und Männern, Bier, Zigaretten, Liebesaffären, unterdrückter Leidenschaft, ausgelebtem Elend und Weltvergessenheit. Es war beileibe keine Orgie. Es war Saufen, oder, wie es heute heißt, Feiern. Man trank Bier aus Dreißigliterfässern. Milde gestimmte Gäste zogen sich mit ihren Freundinnen in die Schlafräume zurück, während die härteren Trinker, die mit Frauen nichts am Hut hatten oder wie Marian zu blöd dafür waren, im Trinkraum blieben und die Fässer bekämpften.
Auch Jenny war beim Fest. Was sie tat – keine Ahnung. Marian trank und fühlte sich sehr traurig. Mehrere Mädchen, die er einst begehrt hatte, waren da. Dazu die, die er hätte haben können, die er sehr mochte, doch genau besehen wusste er gar nicht, was er tun sollte.
Sonntags klang die Fete aus. Manche fuhren bereits zurück, während die Restlichen das Haus in Ordnung brachten, noch etwas tranken und Tischtennis spielten.
Am anderen Morgen fand er sich bei der Arbeit in der Grünanlage vor dem Amtsgericht und war total im Eimer. Seine Beine schmerzten vom Tischtennis, sein Magen und sein Kopf wollten kein Bier mehr. Er quälte sich durch den frühen Tag, bis die Neunuhrpause Erleichterung brachte.
Eine weitere Komafete stieg in der Jagdhütte des Bürgermeisters der kleinen Stadt. Nebulöse Erinnerungen. Vortrinken in der Fuchshöhle. Bei der Fete im Wald torkelte er in einem vergammelten, viel zu langen Afghanmantel, den er von Opa geliehen hatte, durch die Leute. Setzte sich auf eine heiße Herdplatte, ohne es zu merken, schaffte beim Schiffen im Freien gerade noch einen Schritt zur Seite, ehe er knapp neben der Lache ins feuchte Gras knallte.
1978 war ein schweres Jahr. Zuviel Alkohol. Zuwenig Vorstellung einer wie auch immer gearteten Zukunft. Zuviel Elend. Opa und seine Freundin saßen wegen Drogendiebstählen im Gefängnis. Die Arbeit war trotz aller Demütigung Marians bester Halt, denn morgens um halb sieben aufstehen hieß, dass er bremsen musste.
Die Hohlkopfkommune löste sich auf. Michael verließ die kleine Stadt, die anderen verloren sich. Langsam und leise kam die Einsamkeit angekrochen. Im Sommer zog er aus. Fand eine Einzimmerwohnung in einem öden Wohnblock gegenüber des Amtsgerichts, bestückt mit einem Hausmeister voller Blockwartallüren.
Tags die Arbeit, abends die Fuchshöhle. Wenn er sich schon zuvor elend und einsam gefühlt hatte, nun war er es. Das Debakel der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien floss an ihm vorüber.
Nach Feierabend, bevor er in die Kneipe ging, schrieb er an einem Romanversuch über seine Zeit in der Textilfabrik und eine anschließende rauschhafte Urlaubsreise.
In einer milden Sommernacht hinauf zum Waldsee mit Ausflugsrestaurant, Bootsverleih und Stripteasebar. Alle saßen am Ufer und tranken Bier, Jenny, Leni und einige Trinkerkollegen, als einer auf die Idee kam, man könnte nackt im See baden. Natürlich tat er es nicht. Die anderen legten die Kleider ab und vergnügten sich im schwarzen Wasser; er saß unzufrieden mit seiner Flasche auf einer Holzbank und starrte verlegen, ärgerlich und hilflos vor sich hin. Er wusste einfach nicht, was er tun sollte, ob und wie er sich ihr nähern sollte, warum er nicht wirklich von ihr überzeugt war. Vermutlich fehlte ihm das Rückgrat, auch die Selbstsicherheit, die man braucht, um mit einem hübschen Mädchen, das nicht ganz dem inneren Idealbild entspricht, zusammensein. Wahrscheinlich war er zu lieblos, ganz tief innen. Mit Leichen im Keller, den niemand betreten durfte.