Do, 17. April 2014

small town
bluesman's blog

Small Town Bluesman

Romane • Gedichte • Texte • Kommentare

Leseprobe: Small Town Blues

1.

It’s amazing how fast our lives go by
like the flash of a lightning
or the blink of an eye.
Allman Brothers Band

Marian musste lachen. Und bestellte sich eine Flasche Pils. Vor ihm auf dem langen, ungedeckten Holztisch lag die „Neue Revue“. Auf der Titelseite streckte sich eine wirklich erregende Blondine mit großen Brüsten und braungebrannter Haut. Seine Aussicht, jemals eine auch nur annähernd so beschaffene Frau zu erobern, war verschwindend.
Er lachte wieder. Die Frage war vielmehr, ob er überhaupt noch einmal ins Spiel käme. Wann hatte er zum letzten Mal ein Weib gehabt! Es war eine ganze Weile her, und er erinnerte sich nicht gern an diese schwachsinnige Geschichte mit der verrückten Spanierin, die weniger als ein halbes Jahr gedauert hatte und auf die er liebend gern vollkommen verzichtet hätte. Er schaute von den Brüsten auf und stellte fest, dass er noch allein am Kneipentisch saß. Es war früh am Abend, und die Freunde und Kumpel, die wie er die Fuchshöhle als Obdach gewählt hatten, waren wohl noch bei der Arbeit oder sonstwo zugange.
Fürstenberg Pils. Er leerte den Rest ins Glas. Aschenbecher, Marlboro, Plastikfeuerzeug, Brüste, linke Hand, die Augen wanderten. Zwei fremde Mädchen am Nebentisch, die Tür mit dem Windfang, jenseits des Kneipenmittelganges eine Gruppe von Gymnasiasten beim Humpensaufen.
Gymnasiasten. Das war er auch mal. Wann? Es war Frühsommer 1977. Gerade drei Jahre war er aus der Schule, hatte, begleitet von guten Wünschen und Hoffnungen der Eltern und Verwandten, als einer der jüngsten das Abitur gemacht. Dann ging es nur noch abwärts.
Er nahm einen Schluck Bier, sah auf die Brüste und musste wieder grinsen. ‚Du hast keinen Grund zu grinsen’, hörte er den verinnerlichten Vater. Er ließ ihn nörgeln und bestellte noch ein Bier. Um nicht in die Strandlandschaft der Blondine zu versinken, blätterte er um und starrte auf das Inhaltsverzeichnis der Illustrierten.
Drifting away. Bilder der vergangenen Jahre. Kurzer Studienversuch. Sperrmüllzimmer. 10.000 Seiten Hermann Hesse, Wochenende ab Mittwoch oder Donnerstag, Freunde und Bekannte, Feste, Gelage, eine Spur von Freiheit, Mädchen fast nur aus der Ferne. Das Talent zum Bezaubern ersehnter Frauen fehlte ihm vollkommen.
Rockmusik, Drogen, Bier, Wein, Leberkleister. Freunde, Freunde. Diese lächerliche, weil vollkommen idiotische Liebesgeschichte mit der Spanierin. Verliebt mit 20, Hochzeit mit 21 in braunem Cordanzug und Cowboystiefeln, gute Wünsche einer spanischen Familie, die er im nachhinein nicht verstehen konnte. Trennung nach drei Monaten. Wie konnte ein gesunder, normaler Mann seine Tochter mit einem mittellosen, dahergelaufenen, langhaarigen, trinkenden, rauchenden Ausländer verheiraten?
‚Na ja’, dachte er. ‚Eigentlich sind die ja die Ausländer! Aber trotzdem.’

In Gedanken sprach er mit dem Mann.
‚Guter Mann, ehemaliger Schwiegervater, ich musste dich bitter enttäuschen. Dich und deine Frau, die mich so gut bekochte, und die Oma mit ihren langen spanischen Erzählungen, die ich nur intuitiv verstand, und deine beiden Söhne, die so nett zu mir waren, und Maria, die Freundin deiner Tochter, und ihre Freunde, und Santander, deine Stadt, und Spanien, dein Land. Nur das Weib tut mir nicht leid. Denn sie ist eine Schlampe ohne Treue.’

Nun lachte er nicht mehr. Vor ihm noch immer die Zeitschrift, meinte er, sich selbst zu sehen. Einen jungen Mann, 22 Jahre alt, innen älter als außen, langes, dünnes, glattes, braunes Haar, spärliche Bartstoppeln, die Augen leicht zugekniffen, rechts mehr, wie immer, der Mund etwas mürrisch. Zerschlissene Jeans, T-Shirt, die olivgrüne Jacke, genannt Judenjoppe, jene ausrangierte Jacke, die ihm sein Vater in weit besserem Zustand einst überlassen hatte, die er nun aber nicht mehr an ihm zu sehen wünschte.

Umso mehr liebte er die Judenjoppe. Sie war wirklich vergammelt und verkörperte sein Lebensgefühl, diese Nutzlosigkeit, Unbrauchbarkeit, das Wissen, in den Augen der braven Bürger ein unnützer Fresser des westdeutschen Bruttosozialprodukts zu sein. Wieder lachte er. Nach dem Zahlen trank er aus und beschloss, nach Hause zu gehen, in die Wohngemeinschaft, in die Kommune, zu den anderen nutzlosen Fressern. Er würde früh zu Bett gehen, denn ein Gelage war nicht in Sicht, und am folgenden Tag erwartete ihn seine Fabrik, in der er für seinen Lebensunterhalt acht Stunden lang Exportaufdrucke stempeln und Lastwagen mit Stoffrollen in Paletten und Kartons beladen musste.
Draußen auf der Straße stieß er, die verworrenen Linien des Pflasters studierend, fast mit Andrea und ihrem Freund zusammen. Er wurde verlegen, gab einen seiner dummen Sprüche zum besten, für die er bekannt war – ha ha, der lustige Clown. Sie tauschten etwas Blahblah aus, und er ging davon. Wenn sie geahnt hätte, wie sehr sie ihm gefiel! Doch wie sollte sie das ahnen. Und was hätte das geändert!

Zu Hause in der Wohngemeinschaft am Rand der kleinen Stadt in eigentlich bester Wohnlage, sein Zimmer neben der Küche im Erdgeschoss des Reihenhauses, zu Hause, unter Freunden, bekannt als Hohlkopfkommune, in Anlehnung an die Holbein-Straße und sarkastische Selbstbetrachtung der Bewohner, setzte er sich an seinen Schreibtisch und hörte „In Memory of Elizabeth Reed“ von der Allman Brothers Band. Diese Brothers waren ihm ein Stachel im Fleisch, denn so hatte er sich das immer vorgestellt: sechs Langhaarige, Gitarrensound, bester Bluesrock, Südstaatenrock. Schade, zwei von ihnen hatten sich bereits mit ihren Harleys ins Jenseits befördert.
Andrea stach ihm in den Kopf. Woher kam diese Beklemmung, die Angst, bei günstiger Gelegenheit etwas Aussichtsreiches in Bewegung zu setzen? Ach, Bockmist. Er ließ sich das Badewasser einlaufen, stieg rein und betrat den Zustand der Läuterung. Mit Qualm und Schweiß verschwand im warmen Wasser auch der geistige Schmutz. Und wenn es nicht lange vorhalten würde – im Augenblick genoss er das Bad fast als einen Ersatz religiöser Meditation, der er, zumindest im engeren Sinn, nicht fähig war. Rein praktisch kamen ihm in der Wanne immer die besten Ideen. Und davon konnte er einige brauchen.
Er sah sich seinen Sklavenjob abstoßen, sah sich lachend aus der Fabrik zur Bushaltestelle rennen, sah sich frei, frei, endlich frei. Was für Fürze! Arbeiterklasse. Verzicht auf Aufstieg und Erfolg. Klar, abgesehen davon, dass er gern ein hervorragender Musiker und umschwärmter Teenieschwarm geworden wäre, verzichtete er noch immer gern auf einen Aufstieg. Aufsteigen, wohin denn? Fort von Menschlichkeit und Freundschaft, von Festen, Natur und Gefühl, in kalte, tote Räume, zu leeren, toten, erfolgsgeilen Menschen, Robotern?
Neu aber war die Erkenntnis, mit der gerühmten Arbeiterklasse auch auf keinen grünen Zweig zu kommen. Nichts gegen die Leute in der Fabrik, doch er würde immer ein Fremder bleiben, würde immer seine Zweifel an ihrem Tun behalten, sich nie wirklich zugehörig fühlen. Wir konnte er sich der Illusion hingeben, dass hier unter ‚einfachen’ Menschen eine Heimat zu finden sei.
Bullshit. Es war noch kein Jahr vergangen, seit er voller Mut und Verzweiflung beschlossen hatte, Fabrikarbeiter und Alkoholiker zu werden. Bullshit! Bockmist! Unsinn!
Aber wo war ein Weg? Fabrikarbeiter, das hieß Maloche, Bier, Wohnzimmerschrankwand, Fußball, Frau, Kinder, Sorgen, Tod. Alkoholiker. Davon hatte er eigentlich schon seit einer ganzen Weile die Schnauze voll.

Kürzlich erst war sein polnischer Onkel Stefan mit 42 Jahren in Schmerz, Blut und Einsamkeit verreckt. Verreckt an kaputtem Rücken, kaputtem, zusammengeflicktem Magen, Leberzirrhose. Langsam und allein in seinem gemieteten Zimmer ganz in der Nähe still verreckt. Und die Freunde soffen sich einem wohl in ferner Zukunft gelegenen ähnlichen Ende entgegen.
Und er? War er besser? Wie standen seine Chancen? Er vertrug das Saufen sowieso nicht gut. Doch wo war ein Weg? Weglaufen? Gerne, wenn er nur etwas mehr Mut gehabt hätte. Wohin, in eine Kommune mit Sex and Drugs and Rock’n'roll? Wo war die zu finden? Keine Ahnung.
Er bemerkte, dass sein Badewasser kalt wurde, und stieg raus.
Ende August. Die Fabrik war fast vergessen. Er hatte blaugemacht, war mit ein paar wilden Kerlen nach Südfrankreich gefahren, erhielt ‚zur Strafe’ die Kündigung und war FREI. Er gab seinen Antrag auf Arbeitslosengeld ab. Nun konnte er den ganzen Tag lang tun, was er wollte. Und wenn es nichts war. Das Leben als Arbeitsloser gelang ihm nicht schlecht. Er konnte an die Erfahrungen aus der Studentenzeit anknüpfen. Zwar war er noch immer ein unnützer Fresser, doch der Leidensdruck nahm mit der Wärme des Sommers, mit Reisen und Lagerfeuern am Fluss rasant ab.
Der Sommer klang feucht-fröhlich aus, wobei ihm die reine Feucht-Fröhlichkeit weder damals noch irgendwann gelingen wollte.

Und nun der Herbst. Er wohnte noch immer im Reihenhaus, und für die Fuchshöhle hatte er schon tagsüber Zeit. Nicht, dass er beständig am Saufen gewesen wäre.
Alles roch nach Veränderung. Das Herumhängen ödete ihn an. Sein Selbstwertgefühl litt erheblich. Immerhin hatte er angefangen, Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben, meist Ergüsse von beträchtlicher Abscheu, voller Ekel und Verzweiflung.

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