Leseprobe: Fast glücklich …

3.
Ein kleiner Mann bei der Oma

Sehr viele Jahre später hielt Marian die Umgebung seiner Kindheit für nahezu zerstört. Die Stadt wurde umgekrempelt. Alle alten Häuser wurden restauriert oder neu gebaut, alles wurde besser, komfortabler, sauberer. Der alte Geist wurde vertrieben, gerade so, als wenn man mit ihm jede Erinnerung und Verbindung zu früher auslöschen wollte. Man wollte ‚Nie wieder Krieg’, aber man bekam umsonst dazu: ‚Das Alte ist wertlos’. Alles, was wild, rau und grau war, wurde zahm und bunt und so öde.
Mit der Zeit gab es so viel Verkehr, dass keine Kreuzung ihn mehr bewältigen konnte. Über vierzig Jahre redeten sie von einer Autobahn, immer noch wälzt sich die sinnlose Lawine über die Bundesstraße. Die Kreuzung wurde vollständig umgebaut. Das Bahnwärterhaus ist abgerissen, vor Jahrzehnten, der Wiesentäler fährt nicht mehr. Die Strommasten sind weg, die ganze Kreuzung ist weg. Heute führt eine Straße durch ein gigantisches Betonloch unter der Bahn durch, die andere läuft kreuzungsfrei neben den Schienen her. Es wurde sehr planvoll und logisch gelöst, aber so tot. Das Alte ist tot, das Neue leblos, zu-rechtgebürstet und wundgepflegt.
Nach mehr als vierzig Jahren in der kleinen Stadt zog Marian in ein Dorf, genau drei Kilometer und einige Kulturschocks von der alten Heimat entfernt, weil ihm der Radau und das Gesindel zu schlimm wurden. Weiter kam auch der Durchschnittsmensch der Bronzezeit nicht. Allerdings hatte der kein altes japanisches Auto.
Manchmal dachte er traurig:
‚Ich würde viel geben, wenn ich durch eine Ritze im Boden oder durch ein Wurmloch im Kosmos in die alte Zeit zurückkehren könnte. Raus aus diesem blöden neuen Jahrhundert, das niemand gerufen hat, außer ein paar Verrückten, die mal wieder auf den Weltuntergang hofften. Aber der Herr lässt sich weder von den Majas noch von uns vorschreiben, wann er aufräumt. Ach, und wenn ich auf der anderen Seite rauskäme, würde ich wieder in kurzen Lederhosen rumlaufen, vorbei an Fabriken mit rauchenden Kaminen, vorbei an grauen Arbeitern mit schwarzen Fahrrädern ohne Gangschaltung, würde an den Schranken warten, bis der Zug mit der Dampflokomotive durch wäre, und dann mit einem braunen Ball aus Leder unter dem Arm zum Sportplatz hasten.’
In seinem ältesten Fotoalbum kleben Bilder der alten Zeit. Nur wenige. Ein großes Baby mit kahlem Kopf auf dem Arm der Oma im Garten des Bahnwärterhauses. Ebenso kahl, mit Oma und Opa gleich nebenan im Gymnasiumspark. Ein Bild von Gerti mit Kinderwagen im Wald. Marian hatte nur einen flaumigen Mönchskranz, bis er zwei wurde. Auf den meisten Bilder schielte er, denn er hat ein kaputtes Auge, rechts, von Anfang an.
Das Bild von Weihnachten 1958 im Bahnwärterhaus. Darin steckte auf seltsame Weise bereits alles, was es zu sagen gab. Alle lächeln in Harris Selbstauslöserkamera. Bis auf einen. Links Harri und Gerti. Sein Arm um ihre Schulter, beide lächelnd, sie völlig fröhlich und fast naiv, jung eben, er mit einer gewissen skeptischen Distanz, aber freundlich. In der Mitte Oma Anna, mit dem Arm auf Marians Schulter. Sie lächelnd, der Blick voller unerklärlicher Freude und Zuversicht. Ganz rechts Opa Ernst, etwas steif, etwas distanziert, aber eindeutig auch lächelnd. Er war bereits krank und hatte nicht mehr lange zu leben. Zwischen den beiden Marian. Sein Blick fragt nur:
„Was tue ich hier? Was soll das alles?“

Marians erste Jahre spielten an zwei Schauplätzen. Harri und Gerti arbeiteten. So lebte der Junge bis 1959 während der Woche im Bahnwärterhaus bei der Oma. Ernst arbeitete auch den ganzen Tag, bis er krank wurde. Jeden Freitagabend holten die Eltern den Kleinen ab, was er mit einer Leidensmiene quittierte. Montags früh kam er überglücklich zurück. Geburtsstunde des heiligen Montags.
Oma Anna, die ‚Mamu’, war seine erste Bezugsperson. Sie war überaus liebevoll, vermutlich verhätschelte sie den Jungen. Auf jeden Fall war sie etwas ängstlich. Viel später sagte Marian, dass in jener Zeit der gnadenlose Wunsch nach ungetrübter Idylle und die Angst vor der groben, bösen Welt in ihm gezüchtet wurden.
Zu Hause bei den Eltern im Neubauviertel war alles anders. Niemand tat ihm je etwas Böses. Es lag wohl an der Stimmung. Die Eltern gaben sich Mühe mit dem Kind, es fehlte an nichts, wenn auch auf bescheidenem Niveau der Fünfziger Jahre. Immer genug zu essen, immer schöne Kleider, immer neue Spielsachen.
Harri hatte ein Auto. Auto! Wunderding. Einsteigen und losfahren. Der Ton des Motors. Der Lenker. Die Hupe. Alles glitzert silbern. Die Welt flitzt vorbei. Leute schauen.
Noch zwei Fotos, etwa 1959. Harri mit Marian vor dem nagel-neuen Lloyd Arabella auf einem Waldweg. Beide stolz, lehnen sich an, das sieht man vorne auf dem Buch. Endlich einmal lacht der Junge! Auf dem zweiten Bild sitzt er selbst hinterm Lenker, voller Konzentration, cool, fast schon frech, die rechte Hand am Lenker, die linke aus dem offenen Fenster gestreckt. Das waren aber auch schöne Autos! Alles noch aus Metall mit viel Chrom. Kein Plastikdreck.

Ums Haar wäre Marian Kanadier geworden! Als er ein halbes Jahr alt war, brach Harri allein mit dem Schiff auf. Er wollte auswandern, mehr Erfolg, mehr Verdienst suchen. Gerti und Marian sollten nachkommen, wenn er Fuß gefasst hätte. Nach einem halben Jahr war er wieder zurück. Das dort im Westen war nicht die Welt, in der er leben wollte.

Der Neubau war vorerst eines der letzten Häuser am westlichen Stadtrand. Unten lebten die Großeltern und vermutlich auch die Tanten, die Marian nie sah. Eigentlich kannte er sie gar nicht. Sicher gab es Begegnungen, aber nichts blieb hängen.
Sie wohnten unterm Dach im dritten Stock. Harri hatte hölzerne Raumteiler zusammengenagelt, alles hergerichtet und gestrichen. Jeden Abend musste Gerti bei Marian am Bett sitzen und vorlesen, wie er es von der Oma gewohnt war. Der kleine Prinz wollte nicht im Dunkeln schlafen. Also musste die Tür einen Spalt weit offen stehen und im Flur das Licht brennen.
Man konnte sich vor allem fürchten, auch vor einem dunklen Zimmer. Am meisten fürchtete er sich vor dem großen, starken, mächtigen Mann, der sein Vater war. Dabei tat er nichts als groß, stark und mächtig sein. Er schlug ihn nicht, oder nur äußerst selten, er schrie ihn nicht an, er beschenkte ihn und brachte ihm Süßigkeiten mit. Es gab keine nennbaren Konflikte, doch der Kleine fühlte sich in seiner Gegenwart unwohl und unsicher. Spürte er bereits so jung, dass der Vater ihn nach seinem Bilde aufziehen und formen wollte, gleichgültig, was die Wünsche des Sohnes waren? Dass er es gut, besser haben sollte. Ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte, jemals darüber nachzudenken, worin denn außer aus mehr Waren dieses Besser eigentlich besteht.

Das Hochrheintal und mit ihm die Bahnlinie und die Bundesstraße verlaufen in Ost-West-Richtung. Im Süden beschneidet der Fluss mit der Schweizer Grenze das Siedlungsgebiet, im Norden der steil aufsteigende Südschwarzwald, genannt Hotzenwald. Direkt am Rhein liegt die Altstadt mit ihren damals etwas verlotterten Sehenswürdigkeiten. Nördlich der Bahn war viel Platz zwischen den zumeist im 20. Jahrhundert errichteten Gebäuden. Noch hatten sich die Häuser und Straßen nicht wie Geschwüre den Hang hinaufgefressen. Es lag viel freies Land dazwischen, Bauland, und sogar noch einige Bauernhöfe. Es gab ein kleines Tal mit von Wasserkraft betriebenen Fabriken. Gewerbebetriebe lagen überall zwischen Wohnhäusern.
Die Weststadt war geprägt von einigen Fabriken, kleineren Häusern und viel freiem Raum. Der Neubau der Familie Stachowitz lag in der – nennen wir sie romantisch Stauferstraße. Sie verlief etwas nördlich parallel zur Bundesstraße. Von Laufen konnte jedoch gar keine Rede sein, denn es gab sie erst ein kurzes Stück weit, vielleicht zweihundert Meter, mit genau neun Häusern, vier an der Nordseite und fünf südlich. Davor und dahinter war Wiese. Die Bundesstraße selbst war schon fast durchgängig bebaut.
Seit einiger Zeit war viel los in der Straße. Es musste eine Menge Geld und Bedarf vorhanden sein, denn es wurde überall gebaut. Die Stauferstraße wurde nach Westen in der Länge verdoppelt, an ihrer Nordseite entstanden in rascher Folge vier doppelte Wohnblocks mit drei Etagen. Gegenüber wurde bereits vermessen und abgesteckt. Auch dort sollten Blocks entstehen. Immer wenn Marian zu Hause war, konnte er vom Fenster sehen, wie man weitergekommen war. Bald waren die Rohbauten fertig, die Dächer gedeckt. Das bisschen Innenausbau dauerte auch nicht lange, und dann teerten sie die Straße, rissen sie wieder auf und teerten sie wieder.
Harri schimpfte gern:
„Jetzt haben sie schon wieder die Straße aufgerissen!“

Die beiden Familien waren nicht die einzigen Fremden in der Stadt. Zuerst kamen Kriegsflüchtlinge, später wurden die Deutschen, die nicht geflohen waren, von den neuen Herren der Staaten im Osten enteignet und vertrieben. Etwa 14 Millionen Deutsche wurden nach dem Krieg aus den Ostgebieten vertrieben. Sie wurden in der Bundesrepublik, in der Ostzone – kein Mensch sagte DDR, die Bild-Zeitung schrieb voller Abscheu „DDR“ – und in Österreich aufgenommen und auf Länder und Städte verteilt. Dazu kamen später, ab Ende der Fünfziger Jahre, vier Millionen Aussiedler. Die neuen Einwohner mussten irgendwo wohnen. Deshalb entstanden neben Neubauten anderswo die vier Blocks in der Stauferstraße. Die Wohnungen hatten drei Zimmer. Anfangs stand einer Familie nur ein Raum mit gemeinschaftlicher Nutzung von Küche und Bad zu. Es musste noch viel mehr gebaut werden. Dennoch war es ein Fortschritt, bis dahin lebten die meisten in beklemmenden Notunterkünften.
Man konnte nicht von Ablehnung der Ankömmlinge durch die Alteingesessenen sprechen, aber eine gewisse Reserviertheit war vorhanden. Die Menschen in dieser Ecke der Welt sind einfach reserviert. Wobei die Frage bleibt, wie viel der Reserviertheit der Ankömmling selbst erzeugt, gerade durch seine Annahme, man sei ihm gegenüber reserviert. Tatsache war, die Menschen aus dem Osten sahen nicht anders aus als die ‚Eingeborenen’, doch sie klangen anders! Sprache verbindet, Sprache trennt. Alle sprachen deutsch. Aber so viele verschiedene Deutsch.
Eines Tages, Jahrzehnte später, erzählte einer aus dem Lager in seinem schlesischen Akzent während einer Autofahrt:

„ …
Da hat er gesagt: ‚Du Saupolacke!’
Da hab ich ihm in die Fresse geschlagen. Ich sag:
‚Ich bin Deutscher, genau wie du!’“

Es verging wenig Zeit, bis man die ersten Andeutungen hören konnte. ‚Die Flüchtlinge’, ‚das Lager’, und eines Tages sagte einer über die Stauferstraße: „Klein Moskau“. Das war nicht liebevoll gemeint, Marian spürte die Ablehnung. In diesem Moment vielleicht spürte er auch zum ersten Mal dieses magische Dreieck, das ihn sein Leben lang begleiten sollte: Da die einen, dort die anderen, und hier er. Immer dazwischen, nie zugehörig, jedenfalls nie ganz. Verständnis für alle, Sympathie für viele, um den Preis der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Es ist nur fiktiv, aber hätte einer gefragt, „He, Marian! Spielst du etwa mit den Polacken?“, hätte er sich sofort zu den Beschimpften gestellt. Am liebsten war es ihm aber, sich nicht entscheiden zu müssen, zwischen Gruppen, zwischen Sprachen.
Marian hatte kein Problem mit den Sprachen. Hätte man ihn gefragt, hätte er wohl gesagt, dass alle Menschen Deutsche sind und jeder anders spricht. Nie hätte er geahnt, dass es noch viele andere Völker gab, die ganz anders aussahen und sich ganz anders benahmen. Die Sprachen waren wie eine Aufgabe. Man hörte etwas und antwortete in der selben Art oder in etwas Neutralem, das man für Hochdeutsch hielt. Die Einheimischen und mit ihnen Mutter Gerti sprachen alemannisch und würden es nie bleiben lassen, ein Alemannisch, das so differenziert war, dass es zehn Kilometer weiter zwar die gleichen Wörter verwendete, aber deutlich hörbar anders klang. Die Mamu sprach reines Schweizerisch, und so sprach Marian mit ihr. Harri sprach Hochdeutsch, ohne Akzent. Marian hätte noch nicht sagen können, welches denn nun seine Sprache war. Er verstand sie alle und verwendete sie, um den Preis einer eigenen sprachlichen Identität.
Harri nahm es manchmal sehr genau. Beim Abendessen schnitt er das Brot auf, nachdem er es zuvor auf der Unterseite mit dem Brotmesser bekreuzigt hatte. Jeder nahm sich eine Scheibe, und Gerti bat:
„Harri, gib mir bitte mol de Butter.“
Harri reichte das Gewünschte und sagte:
„Es heißt nicht der Butter, es heißt die Butter!“
Es hieß auch nicht das Reis, sondern der Reis.

Harris Eltern sprachen wieder anders. Marian hatte überhaupt kein Verhältnis zu ihnen. Später hörte er Oma Berta manchmal sagen, der Kuchen sei ‚bis zu süß’. Opa Franz ließ ihm gelegentlich durch Gerti ausrichten, wenn es etwas für ihn zu tun gab:
„Der Marian, lass Er nach unten in den Laden kommen!“

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© 2012: Marco Schwarz