Mo, 21. April 2014

small town
bluesman's blog

Small Town Bluesman

Romane • Gedichte • Texte • Kommentare

Leseprobe: Fast glücklich

I.
Noch ganz klein

1.
Nicht mehr allein

Gerti fragte:
„Warum willst du das alles aufschreiben? Das interessiert keinen Menschen. Dich kennt doch niemand!“
„Ja, da hast du recht“, antwortete Marian. Er wollte seine Mutter über vergessene Einzelheiten aus der Kindheit ausfragen.
„Niemand kennt mich, keiner kauft meine Bücher. Nur übersiehst du etwas. Wenn du nicht ein Buch über Prominente lesen willst, dann handelt es immer von Leuten, die keiner kennt.“
„Und wer soll das dann kaufen?“
„Das weiß der Himmel. Ich weiß nur eins: Ich schreibe ein Buch, veröffentliche es, und damit wird es Teil der Literatur. Sag nicht, dein Leben interessiert niemanden. Kein Leben interessiert jemanden, es sei denn, das beschriebene Geschehen steht sinnbildlich für mehr, etwa für eine bestimmte Epoche oder Kultur. Dann nämlich wird die Geschichte des unbekannten Menschen in einem übertragenen Sinn zur Geschichte aller. Das klingt zu idealistisch? Stimmt, aber daran glaube ich. Wenn es auch nicht viel ist.“

Sie hieß Claudia, und sie war eine Gummipuppe. Marian hatte sie für EUR 39,95 beim Orion-Versand im Internet bestellt. Welch ein Terror, denn als es klingelte, flippte Dino aus und tobte bellend und schreiend an der Wohnungstür. Der Border-Collie-Mischling hasste neben vielem anderem die Post. Marian nicht, denn die Post, das war derzeit ein junges, süßes, blondes Mädchen, klein, aber kurvenreich, und sehr freundlich. Er sperrte den Hund in der Wohnung ein und nahm sein Paket an der Haustür in Empfang. Gottseidank verschickte Orion die Ware in neutralen Paketen.
Marian bedankte sich eine Spur zu freundlich. Wahrscheinlich lauerte in jedem dritten Haus einer, dem sie gefiel. Dino beruhigte sich, nachdem er dem Postauto vom Balkon sehr böse hinterhergebellt hatte. Marian schlitzte den Karton auf. Da lag sie. In Plastik. Aus Plastik. Claudia.
‚Merkwürdig’, dachte er. ‚Da sind Batterien dabei. Was sie wohl kann? Hoffentlich nicht sprechen! Am Ende sagt sie noch Papa zu mir oder zischt:
„Auf die Knie, du Stück Dreck!“’
Er stopfte das Verpackungsmaterial in den Müll, legte die Batterien in die Werkzeugschachtel und suchte nach der Fahrradpumpe. Sie lag im Flur seiner Einzimmerwohnung auf dem Kleiderschrank neben einer zweiten. Eine für Blitzventil, eine für Autoventil. Beide passten nicht. Hilfe lag im Keller. Der alte Blasebalg, mit dem er früher, als er noch zum Zelten fuhr, die Luftmatratze aufpumpte.
Marian pumpte. Nach einer Weile nahm Claudia ihre Daseinsform an. Sie war ein sitzendes Modell. Darauf hatte er beim Bestellen gar nicht geachtet. Für seine Zwecke war das ausgezeichnet.
„Ihr seidiges Haar und ihre streichelweiche Haut verführen zum erotischen Vorspiel“, hatte es neben weit Frivolerem in der Beschreibung geheißen.
„Von mir aus kannst du aus Schleifpapier sein, meine Süße!“
Es gab noch eine Tüte. Ihre Kleider. BH und Slip aus billigem, knallrotem Kunststoff. Marian packte sie aus und warf sie in den Müll.
„Das ist ja ekelhaft! So was brauchst du nicht, Claudia. Wir sind nicht im Puff.“
Aus dem Schrank holte er eine alte, graue Jogginghose und ein hellblaues T-Shirt und zog sie an. Etwas groß, aber es war in Ordnung. Sie hatte eine blonde Löwenmähne, zum Glück nicht kraus. In einer Schublade fand er ein Stück altes, violettes Geschenkband. Damit band er ihr das Haar im Nacken zusammen, nicht zu streng, doch gebändigt.
Die Wohnung bestand aus einem großen Zimmer mit Küche, Bad, Flur und Balkon. In diesem Zimmer war alles. Das neue Ausziehsofa, ein Geschenk von Gerti, nachts von ihm, tagsüber von Dino benutzt. Der günstige 16:9-Fernseher aus dem Internet mit 43 digitalen Mistprogrammen lief jeden Abend. Drei verwaiste E-Gitarren, die er kaum mehr spielte. Ein Bücherregal voller Geschäftskram. Eine Musikanlage, die er seit Monaten nicht benutzte, weil er keine Musik mehr hören wollte. Vor allem aber sein Computer. Marian arbeitete jeden Tag am PC.
Eigentlich war alles außer dem Sofa Gerümpel. Ein alter Schultisch zum Arbeiten, wacklig, trotz angenagelter Verstrebungen, ein kleiner Schreibtisch für Scanner, Drucker und Telefon, noch ein Tisch mit einer Olympia-Schreibmaschine. Am Boden der PC, nicht mehr neu, aber gut für alles, was er leisten musste, und davor ein selbstgebautes hölzernes Gebilde, auch etwas zittrig, das den schweren 21-Zoll-Röhrenmonitor tragen musste.
Marian arbeitete am PC, wobei er sich bewusst war, dass es ein Widerspruch war. Er hasste das Neue, Moderne. Das Neue machte Versprechungen und war doch meist Lüge. Die neuen Autos sahen aus wie zerdrückte Eier, weibisch und rund. Die neuen Menschen im Fernsehen wirkten gestylt und angepasst wie Mutanten. Niemand hatte etwas Eigenes, keiner bekam vom Schwitzen in Winterkleidern hässliche rote Flecken auf der Haut. Nur er. Die Bundesliga war zu einer multinationalen Legionärsversammlung verkommen. Fürs tägliche Leben brauchte man nur Einnahmen, um Verbraucher sein zu dürfen. Eigene Gedanken waren eher hinderlich.
Er stellte den Stuhl von der Schreibmaschine neben das Sofa und setzte Claudia darauf, so, dass sie ihm beim Arbeiten zusehen konnte.
„Keine Angst“, sagte er. „Du musst nicht viel tun. Ich erkläre dir, was deine Aufgabe ist. Ich bin Künstler, Schriftsteller, ich schreibe Romane. Niemand weiß, ob einer meine Sachen liest. Viel verkauft habe ich jedenfalls nicht. Ich will jetzt wieder ein Buch schreiben, aber ich brauche kreativen Austausch, ich brauche Publikum. Jeder Künstler braucht Publikum. Nicht um sich am Applaus aufzugeilen, sondern um die innere Mechanik am Laufen zu halten. Ein Künstler muss wissen, dass das, was er produziert, wenigstens ab und zu von anderen zur Kenntnis genommen wird. Oder wolltest du ein Buch schreiben, wenn du meinst, dass es nie einer lesen wird? Na, siehst du. – Ich gratuliere dir. Du bist mein Publikum. Du musst nur zuschauen und zuhören, wenn ich dir etwas vorlese oder erkläre. Sonst klinkst du dich ganz einfach in meine Gedanken ein oder liest am Bildschirm mit. Tue ich nichts, kannst du meditieren oder dir warme Gedanken machen. Sonst erwarte ich nichts von dir. Du musst nicht putzen, nicht kochen und nicht mit dem Hund raus. Ich werde auch nicht über dich herfallen. Glaub mir, du hättest es schlechter treffen können. Hast du eine Ahnung, wie viele Gummipuppen auf der Welt missbraucht und dann abgestochen werden?“
Marian war zufrieden. Allerdings bekam er den Eindruck, dass Claudia ganz anderes erwartete. Sexexzesse oder Händchen halten vor dem Fernseher.
„Ach ja, und noch eins: Sei nicht enttäuscht, wenn ich mit dir keine Beziehung will. Jetzt findest du mich vielleicht cool, aber du hättest keinen Spaß an mir. Den hatten die Weiber nie. Du würdest dich emanzipieren, natürlich von mir, und du würdest weglaufen, mit irgendeinem Holzkopf, der dir schöne Augen macht.
Also tu, was ich dir sage. Dann geht’s dir bei mir gut.
Und nun zum Buch. Ich muss dir eine kurze Einführung geben, damit du dir alles vorstellen kannst.“
Claudia schwieg und schaute ihn an.

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