Ist Kultur heute Afterkultur?
Freitag, 16. September 2011 | von Marco Schwarz

Gute Frage. Falls man auf so eine Frage überhaupt kommt. Ich könnte einfach ja sagen, und damit wäre dieser Text vollendet. So einfach will ich es uns aber nicht machen. Also stellen sich Fragen: Was ist Kultur? Was konkret ist gemeint? Was ist Afterkultur?
Kultur umfasst den gesamten Bereich menschlicher Gestaltung, also alles, was nicht Natur ist. Meist denkt man bei dem Begriff aber an Kunst, an Produkte der Künstler, alles, was Maler, Dichter, Bildhauer, Grafiker und Designer, aber auch Schauspieler und viele andere der Öffentlichkeit präsentieren. Für unsere Betrachtung spielt das keine wichtige Rolle. Sollte sich die Frage, ob Kultur heute Afterkultur sei, bestätigen, ist anzunehmen, dass es kaum einen Bereich der menschlichen Kultur geben wird, der davon ausgenommen sein kann.
Räumliche und zeitliche Eingrenzung
Betrachtet wird die Kultur in Deutschland am Anfang des 21. Jahrhunderts.
Was ist Kultur?
Welchen Zweck hat Kultur? Erst einmal: keinen. Warum schafft man Kultur? Damit die Zeit herumgeht? Damit es einem beim Schaffen und später beim Nutzen der Kultur besser geht? So in etwa. Kultur ist also eine Bereicherung des menschlichen Lebens. Der Mensch malte erstmals Höhlenbilder, tanzte versunken und rhythmisch um ein Feuer und dachte darüber nach, was das alles soll, das Leben und der Tod. Ob sich dahinter etwas verbarg, das nicht sofort ersichtlich war. Oder ob das Sichtbare alles sein sollte. Es fanden sich Bilder einer höheren Macht, sei es, weil sich die Macht zu erkennen gab oder weil man sie sich herbeiwünschte.
Man baute auf Gefundenem auf und entdeckte immer neue Arten und Themen, mit denen man das eigene Leben und das der anderen bereichern konnte. Dafür wurde man geehrt und mit Gütern versehen. Dadurch fühlte man sich schon wieder besser.
Meiner Ansicht nach dient also Kunst dazu, sich auf viele Weisen besser zu fühlen. Nicht nur der Künstler, sondern auch der, der die Kunst passiv aufnimmt, fühlt sich besser. Durch neue Anregungen, Tröstungen, Unterhaltung, Humor. Kultur bereicht also unser aller Leben.
Was ist Afterkultur?
Ist es denkbar, dass diese Funktion ins Gegenteil verkehrt wird, dass Kultur also unser Leben ärmer und unglücklicher macht? Dass sie zweckentfremdet wird, um den Konsumenten der Kultur nur vorzugaukeln, sie würden durch sie bereichert, während sie in Wahrheit durch sie gesteuert und manipuliert werden? Das wäre meine Definition von "Afterkultur". Eine Antwort liegt schon in dem verdächtigen Begriff "Konsument". In enger Beziehung dazu steht der Begriff der Volksverblödung, im Hintergrund lauert die große Verschwörung der "Neuen Weltordnung", vielleicht sogar der Antichrist.
Das kann man nun ironisch verstehen, aber ebenso gut ganz wörtlich, denn ich bin mir meiner Ironie längst nicht mehr sicher.
Ich kann nicht feststellen, ob die Menschheit durch Bosheit oder Unfähigkeit fehlgeleitet wird. Man sieht jedoch an allen Ecken, bei zahllosen Problemen, in welch erbärmlichem Zustand unser Leben ist. Vielleicht schon immer und grundsätzlich, vielleicht auch ganz verstärkt in dieser Zeit, die eine kulturelle und politische Endzeit sein könnte. Das dachten schon viele zu unterschiedlichen Zeiten, aber weiss man es? Die negativen Tendenzen verstärken sich eindeutig. Letztlich scheint es den Herrschenden egal zu sein, wen sie beherrschen. Hauptsache, es sind viele, und diese vielen konsumieren auf Teufel komm raus. Und nur, damit sie weiterhin noch mehr konsumieren, sollen sie sich gut fühlen. Aber auch wieder nicht zu gut, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen.
Ich denke, genau diesem Zweck dient die Afterkultur. Schauen wir ins Detail, wie sich die Afterkultur für mich persönlich darstellt.
Viele kulturelle Bereiche interessieren mich nicht, so dass ich nichts dazu sagen kann. Man sollte nur urteilen, wenn man auch mit dem Herz dabei ist. Oder war.
Im letzten Theaterstück, das ich sah, schlug Kasper dem Krokodil einen Knüppel auf dem Kopf. Das fällt also schon mal weg. Überhaupt entfallen alle Veranstaltungen, bei denen man anwesend sein muss, denn da sind in der Regel auch viele andere anwesend. Aus dem selben Grund würde ich nie mehr in ein Kino gehen oder z.B. ein "Dorffest" besuchen, wobei dort noch die Besoffenen und die manischen Laberköpfe abhalten.
Um es kurz zu machen, Kultur findet für mich nur noch entweder aktiv oder über die Medien statt. Klar, dass ich meine eigenen Erzeugnisse, Bücher, Webseiten nicht für Afterkultur halte. Und nun sind wir beim Kern angekommen: Das Zeug, das beständig aus dem Medien rinnt. Früher war alles knapp, gute Bücher suchte man, für eine gute Schallplatte fuhr ich manchmal 30 km mit dem Zug nach Basel. Wenn gelegentlich mal ein Rockkonzert in der Nähe stattfand, ging man hin.
Heute scheißt uns die Kulturmaschine zu mit ihrem Wohltaten. Jedes Jahr kommen in Deutschland fast 100.000 Bücher auf den Markt. Milliarden Websites warten auf Besucher. Überall schreit es "SALE!" Es gibt Dutzende von Kabel-TV-Sendern und dazu Radio in allen Varianten. Es gibt dermaßen viele Informationen, dass man sie schwer findet, während man sie früher nicht fand, weil sie kaum vorhanden waren. Welch ein herrlicher Unterschied.
1. Afterkultur durch überbordenes Übermaß; Perlen verschwinden unter dem Dreck.